Gottlob Friedrich Lipps (1865 –1931)

Abstract

Gottlob (z.T. auch Gotthold) Friedrich Lipps war von 1911 bis 1931 Ordinarius für systematische Philosophie, Pädagogik, experimentelle Psychologie und Leiter des psychologischen Laboratoriums an der Universität Zürich.

Gottlob (z.T. auch Gotthold) Friedrich Lipps war von 1911 bis 1931 Ordinarius für systematische Philosophie, Pädagogik, experimentelle Psychologie und Leiter des psychologischen Laboratoriums an der Universität Zürich. Er beschäftigte sich mit experimenteller Psychologie sowie mit philosophischen und pädagogischen Fragen. Unter seiner Leitung wurden in Zürich experimentalpsychologische Schulversuche durchgeführt.

Lipps (6. August 1865 – 9. März 1931) wurde als Sohn eines evangelischen Pfarrers in Albersweiler nahe Speyer geboren. In Leipzig und München absolvierte er sein Studium in Philosophie, Mathematik und Astronomie. Diese breite Ausbildung sowohl in Natur- als auch in Geisteswissenschaften prägte seine gesamte wissenschaftliche Laufbahn. In Leipzig lernte er bei Wilhelm Wundt die experimentelle Psychologie kennen, die zwei Männer befreundeten sich. 1888 promovierte Lipps an der Universität Leipzig in Mathematik und wandte sich der Philosophie zu: „Die logischen Grundlagen des mathematischen Funktionsbegriffes.“ Ein paar Jahre lang unterrichtete er als Gymnasiallehrer Mathematik und Physik. 1904 habilitierte er sich an der Universität Leipzig und lehrte dort erst als Privatdozent und ab 1909 als ausserordentlicher Professor, während er weiterhin als Gymnasiallehrer tätig blieb, als er für die Nachfolge Friedrich Schumanns den Ruf an die Universität Zürich erhielt (Freytag, 1931; Honegger, 1932; UAZ AB.1.0601, 31.8.1911; Witzig, 1931).

Lipps war in Zürich bereits 1905 für die Nachfolge Ernst Meumanns im Gespräch gewesen. Damals war noch seine fehlende Erfahrung auf dem Gebiet der experimentellen Psychologie und seine erst kurze akademische Lehrerfahrung beanstandet worden. Nun aber war die Fakultät des Lobes voll, wies auf die inzwischen erbrachten wissenschaftlichen Leistungen und die erfolgreiche Lehrtätigkeit Lipps hin und brachte auch sehr positive Gutachten, unter anderem von Wundt, ein. Dieser nennt Lipps „einen vortrefflichen akademischen Lehrer von allseitiger philosophischer Bildung und einen auch in der Psychologie selbständigen Arbeiter“. (UAZ, AB.1.0601, 31.8.1911). Hochschulkommission und Erziehungsrat sprachen sich in der Folge einstimmig für Lipps aus; am 15. Oktober 1911 trat er sein Amt an. Damit hatte sich Lipps gegen seinen Mitbewerber Arthur Wreschner durchgesetzt, der auf dem zweiten Platz landete, obwohl er bereits als ausserordentlicher Professor in Zürich lehrte. Dies führte zu einem Konflikt zwischen Lipps und Wreschner, der sich über mehr als zehn Jahre hinzog (Honegger 1932; Rüegsegger 1986; UAZ AB.1.0601, 31.8.1911).

Geschichte der Lehrstühle für Philosophie, Pädagogik und Psychologie an der Universität ZürichGeschichte der Lehrstühle für Philosophie, Pädagogik und Psychologie an der Universität Zürich 1856–1945 (Rüegsegger 1986, S. 37).
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Als Lipps seine Stelle in Zürich antrat, kündigte er an, dass er seine vormalige Arbeit an den mathematisch-psychologischen (statistischen) Theorien als abgeschlossen betrachte. Neben experimenteller Psychologie beschäftigte er sich mit „Grundproblemen der Philosophie und Pädagogik“ (Witzig 1931), was sich auch an seinen Publikationen und seiner Vorlesungstätigkeit ablesen lässt. In den akademischen Jahren 1917/18 und 1918/19 war Lipps Dekan der Philosophischen Fakultät I (Freytag 1931; Rüegsegger 1986; Universität Zürich 1918, 1919; Vorlesungsverzeichnis der Universität Zürich 1912–1931; Witzig 1931).

Die bei Lipps eingereichten Dissertationen beschäftigten sich häufig mit experimenteller Psychologie, wobei immer wieder auch pädagogische Fragen in den Blick genommen wurden. Beispiele gibt es von Felix Hunger (1916): „Geistige Arbeit und Ermüdung bei Schulkindern“, von Sophie Brunner (1926): „Über das Vorstellungsleben des Schulkindes“ oder von Heinrich Scheller (1929): „Ein Beitrag zur Erfassung der Persönlichkeit schwererziehbarer Knaben“. In seiner Schrift „Das Wirken als Grund des Geisteslebens und des Naturgeschehens“ (1931) hat Lipps eine Vielzahl der Dissertationen seiner Studierenden verarbeitet. Daraus stammen auch die folgenden Kinderzeichnungen, welche im Rahmen der Dissertation von Hans Witzig (1926) entstanden sind. Witzig untersuchte die zeichnerische Ausdrucksfähigkeit von Kindern im Lauf ihrer Entwicklung. Dabei stellte er ihnen unter anderem die Aufgabe, einen Korb mit Kirschen zu zeichnen. Aussagen der Kinder wurden sorgfältig wiedergegeben. So fällt bei der Zeichnung des Erstklässlers eine Kirsche links aus dem Korb, „weil der Korb so voll ist“ (Lipps 1931, S. 96).

Korb mit Kirschen, gezeichnet von Kindern unterschiedlichen Alters

Korb mit Kirschen, gezeichnet von Kindern unterschiedlichen Alters (Witzig 1926, zitiert nach Lipps 1931, S. 96–98).

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Am 9. März 1931 starb Lipps nach einer Operation. Sein Nachfolger wurde Eberhard Grisebach. Damit entschieden sich Fakultät, Hochschulkommission und Regierungsrat für eine Neuausrichtung: Durch die Besetzung der zwei Ordinariate mit Philosophen – Grisebach und Freytag – wurden Pädagogik und vor allem auch Psychologie fortan der Philosophie untergeordnet (Freytag 1931; Rüegsegger 1986; Universität Zürich 1931).

Von Gottlob Lipps betreute Dissertationen an der Universität Zürich im Bereich Pädagogik

1912 Kutzner, Oskar Das Gefühl nach Wundt. Darstellung und kritische Würdigung
1913 Czinner, Ella H. Exp. Untersuchungen über die Beeinflussung der Auffassung durch Beziehung der Reizelemente zu einander
1913 Higy-Mandié, Franz Beitrag zur Kenntnis der geistigen Entwicklung des Schulkindes
1913 Büchi, Robert Versuche über das Lesen mit besonderer Berücksichtigung der Frage des objektiven und subjektiven Lesetypus
1913 Künzler, Walter Methodologische Beiträge zur experimentellen Untersuchung der Lesevorgänge bei kurzen Expositionszeiten
1913 Schaufelberger, Max Das Ziel des Religionsunterrichtes in der Volksschule
1914 Brandenberger, Konrad Die Zahlauffassung beim Schulkinde
1915 Keller, Eduard Handlung und Bewusstsein im gegenseitigen Verhältnis. Eine experim.-psych. Untersuchung
1915 Weidenmann, Jakob Richtlinien der Fürsorge für verwahrloste Kinder auf der Basis der Pestalozzischen Anschauungen über das Wesen der Verwahrlosung
1915 Huber, Guido Die Intelligenzprüfungen
1916 Hunger, Felix Geistige Arbeit und Ermüdung bei Schulkindern
1916 Klauser, Walter Die Entwicklung der Raum-Auffassung beim Kinde. Eine Untersuchung an Hand von Kinder-Zeichnungen
1916 Witzig, Hans Über das Lesenlernen nach analytischer und synthetischer Methode
1917 Bardarowa, Iwanka Das aesthet. Verhalten auf Grund experimentell-psychologischer Untersuchung
1917 Lipnik-Koschewnik, Haja Das Gedächtnis und die Entwicklung des geistigen Lebens
1917 Wulff, Ada Das Problem der Aufmerksamkeit in der modernen Pädagogik
1918 Gut, Albert Die Entwicklung des Denkens beim Schulkinde
1918 Oprecht, Hans Über das Gedächtnis. Ein Beirag zu den Prinzipien und Methoden der experimentellen Psychologie
1919 Bosshard, Heinrich Über das indirekte Sehen. Experimentell-psychologische Untersuchungen über die Formwahrnehmungen
1919 Glatt, Louis Experimentell-psychologische Untersuchungen über Ermüdung mit Hilfe des Ergographen
1920 Müller, Hans Kritische Beiträge zur Psychologie der Aussage
1920 Guyer, Walter Das Tonerlebnis. Eine psychologische Studie auf Grund von Versuchen
1921 Mladenowitsch, Wojislaw Über die Grundlage der Erziehungslehre
1921 Sachs, Joseph Über die Psychologie der Gefühle
1921 Rumpf, Theodor Richard Anschauung und Denken
1922 Simmen, Martin Volksschule und Handarbeit
1923 Leemann, Lydia Die sittliche Entwicklung des Schulkindes. Eine psychologisch-pädagogische Untersuchung an Hand von Schülerarbeiten
1923 Rios Delgado, Sebastian Gilberto Der Bildungswert der Mathmatik und der mathematische Unterricht
1923 Schälchlin, Hans Über die Bewusstseinstätigkeit bei der Auffassung von Naturvorgängen
1924 Sidler, Martha Die Auffassung von Beziehungen zwischen Gegenständen
1926 Brunner, Sophie Über das Vorstellungsleben des Schulkindes
1926 Göpfert, Christian Über Binet-Simon-Teste
1926 Witzig, Hans Erlebnis und zeichnerisches Gestalten
1926 Stückelberger, Alfred Emanuel Die Zeitauffassung des Schulkindes
1927 Peter, Fritz Über moderne Erziehungsprinzipien
1928 Honegger, Robert Der Bildungswert der manuellen Betätigung
1929 Scheller, Heinrich Ein Beitrag zur Erfassung der Persönlichkeit schwererziehbarer Knaben
1931 Bieri, Ernst Ein Beitrag zur Kenntnis der geistigen Entwicklung des taubstummen Schulkindes

Vgl. Dissertationsdatenbank 1899-1955

Publikationen von Lipps (Auswahl)

Lipps, G. F. (1888). Die logischen Grundlagen des mathematischen Funktionsbegriffs. Zweibrücken: Kranzbühler.

Lipps, G. F. (1899). Grundriss der Psychophysik. Leipzig: Göschen.

Lipps, G. F. (1904). Die Massmethoden der experimentellen Psychologie. Leipzig: W. Engelmann.

Lipps, G. F. (1906). Die physischen Massmethoden. Braunschweig: Vieweg.

Lipps, G. F. (1911). Weltanschauung und Bildungsideal. Untersuchungen zur Begründung der Unterrichtslehre. Leipzig: Teubner.

Lipps, G. F. (1914). Über die geistige Entwicklung des Schulkindes. Erläuterungen zu den Arbeiten des Psychologischen Laboratoriums der Universität Zürich (2. Aufl.). Zürich: Leemann.

Lipps, G. F. (1918). Das Problem der Willensfreiheit. Leipzig: [s.n.].

Lipps, G. F. (1931). Das Wirken als Grund des Geisteslebens und des Naturgeschehens. Leipzig: Verlag von Johann Ambrosius Barth.

Quellen und Literatur

Böttger, F. H. (1918). Die wechselweise Beeinflussung gleichzeitig erlebter Reize. Altona: Hammerich & Lesser.

Brunner, S. (1926). Über das Vorstellungsleben des Schulkindes. Zürich: Leemann.

Freytag, W. (1931): Professor Dr. Gotthold F. Lipps. 6. August 1865 bis 9. März 1931. Jahresbericht der Universität Zürich 1930/31, S. 71–72.

Honegger, R. (1932). Das Lebenswerk von G. F. Lipps. Leipzig: Akademische Verlagsgesellschaft.

Hunger, F. (1916). Geistige Arbeit und Ermüdung bei Schulkindern. Zürich: Leemann.

Lipps, G. F. (1931). Das Wirken als Grund des Geisteslebens und des Naturgeschehens. Leipzig: Verlag von Johann Ambrosius Barth.

Rüegsegger, R. (1986). Die Geschichte der Angewandten Psychologie 1900–1940. Ein internationaler Vergleich am Beispiel der Entwicklung in Zürich. Bern, Stuttgart, Toronto: Verlag Hans Huber.

Scheller, H. (1929). Ein Beitrag zur Erfassung der Persönlichkeit schwererziehbarer Knaben. Zürich: Gebr. Leemann.

Stückelberger, A. (1926). Die Zeitauffassung des Schulkindes. Zürich: Reutimann.

Universität Zürich. (1918). Jahresbericht 1917/18. Zürich: Art. Institut Orell Füssli AG.

Universität Zürich. (1919). Jahresbericht 1918/19. Zürich: Art. Institut Orell Füssli AG.

Universität Zürich. (1931). Jahresbericht 1930/31. Zürich: Art. Institut Orell Füssli AG.

Universität Zürich. (1912–1931). Verzeichnis der Vorlesungen an der Hochschule Zürich im Sommersemester 1912 – Sommersemester 1931. Zürich: Aschmann & Scheller.

Witzig, H. (1926). Erlebnis und zeichnerisches Gestalten. Zürich: Orell Füssli.

Witzig, J. (1931). Gotthold Friedrich Lipps. Neue Zürcher Zeitung, Nr. 491, o.S.

Ungedruckte Quellen: Universitätsarchiv Zürich (UAZ)

Ungedruckte Quellen

UZH Archiv (UAZ)

AB.1.0601, Dozierendendossier Gotthold [sic!] F. Lipps, Auszug aus dem Protokoll des Regierungsrates des Kantons Zürich, Sitzung vom 31.8.1911.

 

 

 

Autorenschaft

Judith Mathez

Zeitmarke

15.10.1911