Gustav Wilhelm Störring (1860-1946)

Abstract

Gustav Wilhelm Störrung war zwischen 1902 und 1910 Ordinarius für Philosophie an der Universität Zürich. Bis zu seiner Wegberufung nach Strassbourg übernahm er die von Friedrich Schumann verlassene Professur für systematische Philosophie, allgemeine Pädagogik und experimentelle Psychologie sowie die Leitung des psychologischen Laboratoriums.

Gustav Wilhelm Störring war ein deutscher Psychologe und Philosoph. Er wurde am 24. August 1860 in Voerde (heute Ennepetal), Westfalen geboren. Sein Studium der Psychologie, Theologie und Medizin an der Vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg  schloss er 1889 mit der Doktorarbeit „John Stuart Mill's Theorie über den physiologischen Ursprung des Vulgärglaubens an die Aussenwelt” ab. Gemäss dem Regierungsratsbeschluss (StAZH MM 3.16) vom 11.09.1902 anlässlich seiner Berufung an die Universität Zürich, habe Störring nach Abschluss des Studiums als „freisinniger Theologe” keine Anstellung gefunden und sich aus diesem Grund dem Studium der Medizin zugewandt. Nach Steinberg und Künstler (2000) beruhte das Interesse an der Medizin jedoch auf der Überzeugung, dass eine medizinische Ausbildung nötig sei, um die Psychologie verstehen zu können.  Mit seiner Dissertation über die „Experimentelle[n] Beiträge zur Thermodynamik des Muskels”  erhielt Störring 1897 den Doktortitel der Medizin in Berlin (Maurer 2013; StAZH MM 3.16) und eröffnete in Leipzig, zusammen mit seiner Frau Marie Bonacker, ein psychiatrisches Privatsanatorium. Dies, nachdem er  sich ein Jahr zuvor im Fach Philosophie in Leipzig bei Wilhelm Wundt mit der Arbeit „Zur Lehre vom Einfluss der Gefühle auf die Vorstellungen und ihren Verlauf“ habilitiert hatte.

1902 folgte Störring dem Ruf als Ordinarius für Philosophie nach Zürich (StAZH Z 70.3096 1902). Sein Lehrauftrag umfasste die Geschichte der Philosophie, Geschichte der Pädagogik, Logik, Metaphysik, Erkenntnistheorie sowie Übungen über die Geschichte der Philosophie im philosophischen Seminar der Hochschule Zürich (UAZ Peter, 1938; StAZH MM 3.16).

Als Ernst Meumann 1905 nach Königsberg berufen wurde und die Universität Zürich verliess, bot die Philosophische Fakultät Störring an, den Fachbereich Psychologie zu übernehmen. Störring blieb aber „aus Rücksichten auf Arbeiten aus dem Gebiete der Geschichte der Philosophie” bei seinem angestammten Lehrauftrag (StAZH MM 3.24). Erst nach Abschluss und Druck dieser Arbeiten hat sich Störring wieder intensiver mit der Psychologie und experimentellen Untersuchungen beschäftigt, so dass ihm auf das Sommersemester 1910 die von Friedrich Schumann verlassene Professur für systematische Philosophie, allgemeine Pädagogik und experimentelle Psychologie sowie die Leitung des psychologischen Laboratoriums übertragen wurde. Gleichzeitig wurde er vom Erziehungsrat zusammen mit Hans Stettbacher gebeten, ein psychologisches Praktikum für die Kandidaten des Primarlehramts anzubieten (StAZH MM 3.24; StAZH Z 70.3097). Auf den 1. Oktober 1911 verliess Störring infolge der Berufung nach Strassbourg die Universität Zürich (StAZH Z 70.3098). Er starb am 1. Dezember 1946 in Göttingen.

Der philosophische Schwerpunkt der Zeit an der Universität Zürich spiegelt sich auch in den Veröffentlichungen Störrings (Auswahl, Deutsche Biographische Enzyklopädie Online):

1901

Moralphilosophische Streitfragen

1903

Moralphilosophische Streitfragen: Die Entstehung des sittlichen Bewusstseins.

1906

Ethische Grundfragen.

Teil 1.: Darstellung und kritische Würdigung der moralphilophischen Systeme der Gegenwart, eigenes Moralprinzip.

Teil 2.: Rechtfertigung und  Forderung sittlichen Lebens.

1909

Einführung in die Erkenntnistheorie. Eine Auseinandersetzung mit dem Positivismus und dem erkenntnistheoretischen Idealismus.

1916

Logik

1916

Psychologie des menschlichen Gefühlslebens

1923

Psychologie

1926

Das urteilende und schließende Denken in kausaler Behandlung

1928

Die Frage der geisteswissenschaftlichen und verstehenden Psychologie

1931

Methoden der Psychologie des höheren Gefühlslebens auf Grund psychopathologischer, experimenteller, introspektiver und völkerpsychologischer Untersuchungen (= Handbuch der biologischen Arbeitsmethoden, Abt. 6, Teil B, 2)

1935

Die moderne ethische Wertphilosophie

 

Von Gustav Wilhelm Störring betreute Dissertationen an der Universität Zürich im Bereich Pädagogik

1906

Perovits, Milosch

Die pädagogischen Ansichten des Dositheus Obradovic. Ein Beitrag zur Geschichte der Aufklärungspädagogik

1909

Schmitt, Christian

Pädagogische Bestimmungen über intellektuelle Entwicklung bei Beneke

1909

Stoeber, Else

Condillac als Pädagoge

1911

Hanselmann, Heinrich

Über optische Bewegungswahrnehmung

1912

Stettbacher, Hans

Beiträge zur Kenntnis der Moralpädagogik Pestalozzis

1907

Klinke, Willibald

Das Volksschulwesen des Kantons Zürich zur Zeit der Helvetik, (1798-1803)

1908

Negentzoff, Christo

Das Prinzip der Selbsttätigkeit in der Pädagogik Fr. Fröbels

1909

Fischer, Karl

Die objektive Methode der Moralphilosophie bei Wundt und Spencer

1911

Bokur, Ignjat

Die Entwicklung der serbisch-anationalen konfessionellen Volksschulen und Bildungsanstalten für Lehrer und Lehrerinnen in Ungarn und Kroatien-Slavonien von 1848-1906

1911

Heller, Robert

Untersuchungen über die Gesamtform und ihre Bedeutung für das Lesen

1913

Schargorodska, Feiga

Die pädagogischen Grundlagen des pharisäischen Judentums des tannaitischen Zeitalters in Palästina

Vgl. Dissertationsdatenbank 1899-1955

Quellen und Literatur

UZH Archiv (UAZ)

Peter F. (1938). „Verzeichnis der Dozenten der Universität Zürich. Sommersemester 1833 bis Wintersemester 1937/38“. Die Universität Zürich 1833–1933 und ihre Vorläufer, Zürich: Verlag der Erziehungsdirektion, S.956-1001.

Deutsche Biographische Enzyklopädie Online. (2009). Störring, Gustav (Wilhelm). Berlin, Boston: K. G. Saur: https://www.degruyter.com/view/db/dbe.

Maurer, H. (2013). Störring, Gustav. In Neue Deutsche Biographie 25 (S. 396-397). Online verfügbar unter: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117266183.html#ndbcontent Abgerufen am 18.06.2018.

Staatsarchiv des Kantons Zürich (StAZH):

MM 3.16 Regierungsratsbeschluss 1902/1566 vom 11.09.1902.

MM 3.22 Regierungsratsbeschluss 1908/1833 vom 24.09.1908.

MM 3.24 Regierungsratsbeschluss 1910/0546 vom 31.03.1910.

Z 70.3096 (S. 69–144). Bericht des Akademischen Senates an die hohe Direktion des Erziehugswesens über die Wirksamkeit der Universität vom 1. Januar bis 31. Dezember 1902. 

Z 70.3097 (S. 237–301). Bericht des Akademischen Senates an die hohe Direktion des Erziehugswesens über die Wirksamkeit der Universität vom 1. Januar bis 31. Dezember 1910. 

Z 70.3098 (S. 1-58). Bericht des Akademischen Senates an die hohe Direktion des Erziehugswesens über die Wirksamkeit der Universität vom 1. Januar bis 31. Dezember 1911.  

Steinberg, H. & Künstler, U. (2000). Vor 100 Jahren erschienen die “Vorlesungen über Psychopathologie ...” von Gusthav Wilhelm Störring. Ein Rückblick auf seine frühen Jahre. Fortschritte der Neurologie - Psychiatrie, 68, S. 243-249. DOI: 10.1055/s-2000-11637

Autorenschaft

Raffaela De Vries, Caroline Suter

Zeitmarke

1910