Heinrich Hanselmann (1885-1960)

Abstract

Heinrich Hanselmann (1885-1960), ab 1924 Privatdozent; 1931 bis 1950 Professor für Heilpädagogik an der Universität Zürich; Mitbegründer des Heilpädagogischen Seminars in Zürich.

Heinrich Hanselmann wurde am 15. September 1885 in Wald bei St. Peterzell (CH) als Sohn eines Stickers und Landwirts geboren (Hanselmann o.J.). Von 1901 bis 1905 besuchte er das Lehrerseminar in Schiers und erwarb das Lehrpatent für den Kanton St. Gallen. Im Anschluss daran arbeitete er von 1905 bis 1908 als Lehrer an der Taubstummenanstalt in St. Gallen.

Ab 1908 bis 1911 studierte er an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich und während je eines Semesters in Berlin (1908-1909) und München (1909) (Hanselmann o.J.). Seine Dissertation hatte den Titel „Über optische Bewegungswahrnehmung“, diese verfasste er in der Fächerkombination Psychologie (Hauptfach) und Physiologie (Nebenfach). Im Anschluss daran setzte er in Deutschland (Frankfurt a. M.) seine wissenschaftliche Tätigkeit als Assistent im Fachbereich Psychologie fort. Zwischen 1912 und 1916 unterbrach er seine wissenschaftliche Karriere und wurde Leiter einer Beobachtungsanstalt für jugendliche Schwererziehbare (Steinmühle) in der Nähe von Frankfurt a. M. (Hanselmann o.J.; siehe auch Mürner 1985).

In Frankfurt a. M. traf er auch seine zukünftige Frau Annie Heufemann, die Lehrerin in der dortigen Taubstummenanstalt war und die er später in einer persönlichen Buchwidmung als „[…] Erzieherin unseres Kindes, dreier Enkel und eines ziemlich schwererziehbaren Mannes […]“ (Hanselmann o.J., S. 62; siehe auch Mürner 1985) bezeichnete. Seine Tochter Annemarie kam 1915 zur Welt. 1916 wurde er von der Stiftung Pro Juventute nach Zürich berufen, für die er ab 1918 bis 1923 als Zentralsekretär amtete.

Hanselmann war 1924 wesentlich an der Gründung des Heilpädagogischen Seminars (HPS) in Zürich beteiligt, dessen Leitung er bis 1941 übernahm (Mürner 1985). Das HPS war zuständig für die Ausbildung von Lehrpersonen für Spezialklassen. Eng damit verbunden war auch die Gründung des Landerziehungsheim Albisbrunn 1925 bei Hausen am Albis (Kanton Zürich), dessen Leitung Hanselmann bis 1929 ebenfalls übernahm und das „[…] als „Übungsanstalt“ für die Seminaristen diente […]“ (Wolfisberg 2002, S. 99).

1924 wurde Hanselmann an der Universität Zürich für das Lehrgebiet Heilpädagogik habilitiert. Seine Antrittsvorlesung hatte den Titel „Wer ist normal?“, ein darauf basierender Artikel wurde später in der Schweizerischen Pädagogischen Zeitschrift veröffentlicht (Hanselmann 1928). 1931 wurde Hanselmann an der Universität Zürich ausserordentlicher Professor ad personam für Heilpädagogik, die Antrittsvorlesung trug den Titel „Was ist Heilpädagogik?“. Damit war Hanselmann der erste Inhaber eines Lehrstuhls für Heilpädagogik in Europa, und somit von historischer Bedeutung für die Entwicklung der Heilpädagogik als Wissenschaft im Allgemeinen, ebenso wie spezifisch für die Geschichte der Heilpädagogik in der deutschsprachigen Schweiz und in Zürich (Wolfisberg 2002). Seine Vorlesungen und Übungen stiessen auf grosses Interesse. So wurde beispielsweise die Übung „Kritische Lektüre neuerer heilpädagogischer Literatur“ 1934 von 54 Personen besucht (UAZ AB.1.0379). Den Lehrstuhl für Heilpädagogik an der Universität Zürich hatte er bis 1950 inne, sein Nachfolger wurde Paul Moor (Mürner 1985).

Hanselmann war 1938 zudem an der Gründung der Internationalen Gesellschaft für Heilpädagogik beteiligt, die er lange Zeit auch als Präsident und Ehrenpräsident leitete (Hanselmann o.J.). Ebenso organisierte er 1931 den ersten Internationalen Kongress für Heilpädagogik in Genf und 1954 die dritte Ausgabe dieses Kongresses in Wien. Zudem war er 1944 auch an der Gründung der Migros Klubschule beteiligt. Weiter erhielt er 1950 den Titel Honorarprofessor von der Universität Zürich und die medizinische Fakultät verlieh ihm 1956 die Ehrenpromotion. 1960 verstarb Hanselmann im Tessin, wo er seit 1942 mit seiner Frau lebte (Hanselmann o.J.).

Inhaltlich beschäftigte sich Hanselmann im Rahmen seiner wissenschaftlichen Tätigkeit mit der Systematisierung der Heilpädagogik und deren Abgrenzung gegenüber der Medizin und Psychologie, wobei er die Heilpädagogik als „[…] transdisziplinäre und praxisorientierte Disziplin und Profession […]“ konzipierte (Wolfisberg 2002, S. 101). Nach Hanselmann ist Heilpädagogik „[…] die Lehre vom Unterricht, von der Erziehung und Fürsorge aller jener Kinder, deren körperlich-seelische Entwicklung dauernd durch individuale und soziale Faktoren gehemmt ist“ (Hanselmann 1930, S. 12). Mit dem Begriff der körperlich-seelischen Entwicklungshemmung richtete er sich gegen damals gängige und stark wertende Begrifflichkeiten wie „Anomalie“ oder „Minderwertigkeit“, die er ablehnte (Wolfisberg 2002). Zentral an seiner Definition ist, dass sowohl Anlage als auch Umwelt sich entwicklungshemmend auf den Menschen auswirken können (Hoyningen-Süess 1992). Damit enthält die Position von Hanselmann auch eine gesellschaftskritische Perspektive (Wolfisberg 2002).

Von Heinrich Hanselmann betreute Dissertationen an der Universität Zürich in den Bereichen Pädagogik und Heilpädagogik

1933

Fischer, Max

Zum Problem der Beobachtung oder der Standpunkt der Pädagogik

1935

Wecker, Ruth

Über den Begriff der sozialen Brauchbarkeit vom Standpunkt der Heilpädagogik

1936

Simon, Thea

Doppelleben des Kindes

1937

Simon, Therese

Die Zweiheit von "Sein" und "Erscheinen" im Leben des Kindes und ihr Ausdruck in der Reaktionsform der Rolle

1938

Freitag, Niklaus

Ein Beitrag zur Geschichte und Organisation des schweizerischen Erziehungsanstaltswesen oder Zur Geschichte der schweiz. Erziehungsanstalten, mit besonderer Berücksichtigung des Waisenhausproblems

1940

Lauzikas, Jonas

Die Bedeutung der Bewegung im Bildungsgeschehen. Psychologisch-pädagogische Grundlagen des bewegten Unterrichts mit besonderer Berücksichtigung der Heilpädagogik

1941

Hofmann-Grüebler, Margrit

Das Problem der Auffassung von Wahrheit und Lüge beim Kinde. Eine psychogenetische Untersuchung

1942

Roth, Heinrich

Die Wirklichkeit des Leidens im pädagogischen Denken und Handeln

1944

Weinberg, Elise

Les troubles du caractère chez l'enfant et le traitement éducatif par le jeu

1945

Przezwanski, Roman

Über das Phänomen der Aufnahme der Sprache durch das Ohr bei Gehörlosen

1945

Wintergerst, Ruth

Religiöse Erziehung des geistesschwachen Kindes als Aufgabe des Heilerziehers

1946

Brauchlin, Eleonora

Über das Schicksal von 100 ehemaligen Hilfsschülerinnen unter Berücksichtigung fürsorgerischer Gesichtspunkte

1946

Schneeberger, Fritz

Über die Beobachtung schwererziehbarer Schüler in Beobachtungsklasse und Beobachtungsheim

1947

Achtnich, Martin

Normwerte der Kraepelinschen Arbeitskurve für 10-15jährige Knaben und Mädchen und ihre Bedeutung für die Erfassung schwererziehbarer Kinder

1948

Bollag-Bollag, Elisabeth

Heilpädagogische Untersuchungen über die seelische Weiterentwicklung von 34 "nervösen" Säuglingen

1948

Schaffert-Banyai, Cécile

Möglichkeiten einer erzieherischen Beeinflussung schizophrener Kinder

1948

Schwarzmann, Julia

Die seelische Heimatlosigkeit im Kindesalter und ihre Auswirkungen

1949

Scheltema-Stades, Ottoline

Das Stehlen bei Kindern und Jugendlichen

1950

Bauer, Ernst

Beiträge zur Erfassung der sondererzieherischen Aufgabe am sprachleidenden Kinde

1950

Stauffer, Hedwig

Die Förderklasse

1954

Bollag-Bollag, Elisabeth

Heilpädagogische Untersuchungen über die seelische Weiterentwicklung von 34 "nervösen" Säuglingen

Vgl. Dissertationsdatenbank 1899-1955

Publikationen von Heinrich Hanselmann (Auswahl)

Hanselmann, H. (1913). Zur Reform der Fürsorge-Erziehungsanstalt. Schweizerische pädagogische Zeitschrift, 23, 297-317.

Hanselmann, H. (1913). Kinderaussagen vor Gericht. Schweizerische Lehrerzeitschrift, 58, 435-437 & 448-450 & 457-458.

Hanselmann, H. (1915). Hypnose, Suggestion und Erziehung. Schweizerische Lehrerzeitschrift, 60, 304-305 & 311-313.

Hanselmann, H. (1918). Die private Fürsorge in der Schweiz. Kritische Randbemerkungen. Ein Programm. Schweizerische Zeitschrift für Gemeinnützigkeit, 57, 33-45.

Hanselmann, H. (1918). Grundlinien eines Planes einer Schweizerischen Notstandsaktion (S.N.A.). Schweizerische Zeitschrift für Gemeinnützigkeit, 57, 305-311.

Hanselmann, H. (1918). Über den Begriff der politischen und konfessionellen Neutralität in der Fürsorge. Schweizerische Zeitschrift für Gemeinnützigkeit, 57, 327-335.

Hanselmann, H. (1919). Pro Juventute. In: Schweizerische Zeitschrift für Gemeinnützigkeit, 58, 211-213.

Hanselmann, H. (1919). Ein schweizerisches Archiv für Gemeinnützigkeit. Schweizerische Zeitschrift für Gemeinnützigkeit, 58, 87-91 & 97-105.

Hanselmann, H. (1920). Bericht über die Tätigkeit der Stiftung Pro Juventute in der Zeit vom 1. Juli 1919 bis 30. Juni 1920. Schweizerische Zeitschrift für Gemeinnützigkeit, 59, 186-190.

Hanselmann, H. (1921). Kino und Volkserziehung. Schweizerische Zeitschrift für Gemeinnützigkeit, 60, 67-77.

Hanselmann, H. (1921). Grundsätzliches zur Psychologie, Soziologie und Pflege der männlichen Jugend Schweizerische pädagogische Zeitschrift, 31, 97-102 & 129-139.

Hanselmann, H. (1921). Schwererziehbare Kinder und Volksschule. Schweizerische pädagogische Zeitschrift, 31, 225-223 & 257-265.

Hanselmann, H. (1922). Auszug aus dem Jahresbericht der Stiftung Pro Juventute vom 1. Juli 1920-30. Juni 1921. Schweizerische Zeitschrift für Gemeinnützigkeit 61, 253-256.

Hanselmann, H. (1923). Auszug aus dem Jahresbericht der Stiftung Pro Juventute vom 1. Juli 1921 bis 30. Juni 1922. Schweizerische Zeitschrift für Gemeinnützigkeit 62, 282-285.

Hanselmann, H. (1927). Heilpädagogik und heilpädagogische Ausbildung in der Schweiz. Schweizerische pädagogische Zeitschrift, 37, 255-263.

Hanselmann, H. (1928). Wer ist normal? Schweizerische pädagogische Zeitschrift, 38, 251-259 & 283-287.

Hanselmann, H. (1930). Einführung in die Heilpädagogik. Praktischer Teil für Eltern, Lehrer, Anstaltserzieher, Jugendfürsorger, Richter und Ärzte. Zürich: Rotapfel.

Hanselmann, H. (1930). Vom Umgang mit Andern. Zürich: Rotapfel.

Hanselmann, H. (1930). Vom Umgang mit sich selbst. Zürich: Rotapfel.

Hanselmann, H. (1930). Vom Umgang mit Gott. Zürich: Rotapfel.

Hanselmann, H. (1931). Jakobli. Aus einem Büblein werden zwei. Zürich: Rotapfel.

Hanselmann, H. (1931). Jakob. Sein Er und sein Ich. Zürich: Rotapfel.

Hanselmann, H. (1931). Geschlechtliche Erziehung. Erlenbach: Rotapfel.

Hanselmann, H. (1932). Was ist Heilpädagogik? Zürich: Heilpädagogisches Seminar.

Hanselmann, H. (1933). Fröhliche Selbsterziehung. Zürich: Rotapfel.

Hanselmann, H. (1934). Vom Sinn des Leidens. Zürich: Rotapfel.

Hanselmann, H. (1934). Sorgenkinder daheim und in der Schule. Heilpädagogik im Überblick für Eltern und Lehrer. Zürich: Rotapfel.

Hanselmann, H. (1936). Freie Wohlfahrtspflege und Krise. Schweizerische Zeitschrift für Gemeinnützigkeit, 75, 105-110.

Hanselmann, H. (1937). Erziehungsberatung. Zürich: Rotapfel.

Hanselmann, H. & Simon, T. (1940). Bericht über den 1. Internationalen Kongress für Heilpädagogik 24.-26. Juli 1939 in Genf. Internationale Gesellschaft für Heilpädagogik (Hrsg.). Zürich: Leemann.

Hanselmann, H. (1940). Hallo – junger Mann! Zürich: Rotapfel.

Hanselmann, H. (1941). Freue dich – trotzdem. Zürich: Rotapfel.

Hanselmann, H. (1941). Durch Liebesleid zur Liebesfreude. Zürich: Rotapfel.

Hanselmann, H. (1941). Grundlinien zu einer Theorie der Sondererziehung (Heilpädagogik). Zürich: Rotapfel.

Hanselmann, H. (1942). Kraft durch Leiden. Zürich: Rotapfel.

Hanselmann, H. (1942). Vom Sinn des Leidens. Zürich: Rotapfel.

Hanselmann, H. (1944). Elternfreuden. Zürich: Rotapfel.

Hanselmann, H. (1944). Werktag in der Liebe und Ehe. Zürich: Rotapfel.

Hanselmann, H.  (1945). Festschrift zum 60. Geburtstag von Prof. Dr. Heinrich Hanselmann. Zürich: Rotapfel.

Hanselmann, H. (1951). Andragogik. Wesen, Möglichkeiten, Grenzen der Erwachsenenbildung. Zürich: Rotapfel.

Ausgewählte Lehrveranstaltungen (vgl. Dohrenbusch 1985)

WS 24

Jugendfürsorge als angewandte Heilpädagogik

SS 25

Einführung in die Heilpädagogik

WS 26

Erfassung und Behandlung des schwererziehbaren Kindes

WS 27

Lügen und Stehlen im Kindesalter

WS 28

Praxis und Theorie der Erziehungsberatung

SS 32

Einführung in die Heilpädagogik, 1. Teil (Mindersinnige, Sinnesschwache, Geistesschwache)

WS 32

Einführung in die Heilpädagogik, 2. Teil (Neuropathen, Psychopathen, Umweltgeschädigte)

SS 34

Kritische Lektüre neuerer heilpädagogischer Literatur

SS 35

Methoden zur Erfassung entwicklungsgehemmter Kinder (Übungen)

WS 35

Methoden zur Behandlung entwicklungsgehemmter Kinder (Übungen)

SS 38

Einführung in die Heilpädagogik, 1. Teil: Blindheit, Taubheit, Geistesschwachheit

WS 38

Einführung in die Heilpädagogik, 2. Teil: Schwererziehbare Kinder und Jugendliche

WS 44

Eheberatung als heilpädagogische Prophylaxe

SS 45

Jugendfürsorge in der Nachkriegszeit

WS 46

Möglichkeiten und Grenzen der Volkserziehung (Andragogik)

SS 47

Individualtests und Sozialtests zur Erfassung des Kindes und des Jugendlichen (Übungen)

WS 47

Über körperliche und seelische Misshandlung des Kindes (psychologische, heilpädagogische und strafgesetzliche Gesichtspunkte)

Quellen und Literatur

UZH Archiv (UAZ)

AB.1.0379, Dozierendendossier Heinrich Hanselmann, Frequenz Vorlesungen und Übungen 1937.

Dohrenbusch, H. (1985). Heinrich Hanselmann als Universitätsdozent und Leiter des Heilpädagogischen Seminars in Zürich. In: G. Heese, B. Jeltsch & A.-M. Stoffel (Hrsg.), Über Hanselmann nachdenken. Ein Kolloquium über das Werk Heinrich Hanselmanns im Zentenarjahr 1985: Beiträge, Diskussionen, Dokumente (S. 22-41). Zürich: Institut für Sonderpädagogik der Universität.

Hanselmann, A. (o.J.). Heinrich Hanselmann. Ein Mosaik aus seinem Leben (Unveröffentlichtes Manuskript). Horgen: Buchdruckerei Fritz Frei.

Hanselmann, H. (1928). Was ist normal? Schweizerische pädagogische Zeitschrift, 38, 251-259 & 283-287.

Hanselmann, H. (1930). Einführung in die Heilpädagogik. Zürich: Rotapfel.

Mürner, C. (1985). Die Pädagogik von Heinrich Hanselmann. Zum Verhältnis von Entwicklung und Behinderung. Luzern: Verlag der Schweizerischen Zentralstelle für Heilpädagogik.

Wolfisberg, C. (2002). Heilpädagogik und Eugenik. Zur Geschichte der Heilpädagogik in der deutschsprachigen Schweiz (1800-1950). Luzern: Chronos.

Autorenschaft

Meret Stöckli

Zeitmarke

1931