Prof. em. Dr. Urs Ruf (*1945)

Abstract

Urs Ruf war 1999–2006 Ausserordentlicher Professor für Mittelschulpädagogik an der Universität Zürich und 2006–2010 Ordentlicher Professor für Gymnasialpädagogik. Von 1999 bis 2007 wirkte er als Direktor des Höheren Lehramts Mittelschulen (HLM) bzw. des späteren Instituts für Gymnasial- und Berufspädagogik (IGB) und von 2002 bis 2007 als Vorsitzender des Zürcher Hochschulinstituts für Schulpädagogik und Fachdidaktik (ZHSF). In diesen Positionen prägte er den Ausbau der Lehrerinnen- und Lehrerbildung Maturitätsschulen massgeblich. In der Lehre und Forschung entwickelte er insbesondere das pädagogisch-didaktische Konzept des Dialogischen Lernens weiter und führte es zu grosser internationaler Bekanntheit.

Urs Ruf (*1945) erlangte 1966 das Primarlehrerpatent des Kantons Solothurn. Von 1966 bis 1972 studierte er an der Universität Zürich Pädagogik, Germanistik und Psychologie. Die Promotion erfolgte 1975 mit der Dissertation „Franz Kafka: Das Dilemma der Söhne“. Von 1972 bis 1999 arbeitete Ruf als Hauptlehrer an der Kantonsschule Zürcher Oberland. 1983 erhielt er den Titel eines Kantonsschulprofessors. 1980–1993 wirkte er als Lehrbeauftragter am Real- und Oberschullehrerseminar des Kantons Zürich für fachwissenschaftliche Weiterbildung Deutsch. 1980–1993 war Urs Ruf Mitglied der Arbeitsgruppe Muttersprache der WBZ Luzern, 1985–1997 Mitglied und Präsident der Kerngruppe Deutsch der EDK-Ost. 1993–1999 wirkte er als Lehrbeauftragter für Fachdidaktik Deutsch an der Sekundar- und Fachlehrerausbildung und an der Abteilung Höheres Lehramt Mittelschulen (HLM) der Universität Zürich.

1999 wurde Urs Ruf als Nachfolger von Prof. Dr. Heinrich Keller zum Ausserordentlichen Professor für Mittelschulpädagogik an die Universität Zürich berufen und zum Vorsteher bzw. Direktor der Abteilung HLM ernannt. Diese Aufgabe nahm er bis 2007 wahr. Unter seiner Führung wurde das HLM, das ursprünglich zu einem überwiegenden Teil durch die Bildungsverwaltung finanziert und gesteuert wurde, 2003 zu einem vollwertigen Institut der Philosophischen Fakultät ausgebaut und 2006 in «Institut für Gymnasial- und Berufspädagogik» (IGB) umbenannt. Urs Ruf war auch die treibende Kraft bei der Gründung des Zürcher Hochschulinstituts für Schulpädagogik und Fachdidaktik (ZHSF) im Jahre 2002, das durch die ETHZ, die Pädagogische Hochschule Zürich (PHZH) und die Universität Zürich getragen wurde, und das er als Vorsitzender der Institutsleitung bis 2007 präsidierte. Damit trug er wesentlich dazu bei, dass die Gymnasiallehrerbildung im Zuge der Neuorganisation der Lehrerinnen- und Lehrerbildung im Kanton Zürich bei der Universität verblieb und nicht – wie von vielen Akteuren damals intendiert – an die neugegründete PHZH verlagert wurde.

Urs Ruf hat sich im Laufe seines Wirkens als ein international bekannter Vertreter der „Dialogischen Didaktik“ profiliert, sowohl mittels seiner Publikationen als auch durch seine Vortragstätigkeit. Das Dialogische Lernen ist ein pädagogisch-didaktisches Konzept, das Urs Ruf zusammen mit Peter Gallin und in langjähriger enger Zusammenarbeit zwischen Praxis und Wissenschaft entwickelt hat. Dabei geht es darum, dass hervorragende Leistungen sowohl auf Seiten der Lehrenden als auch auf Seiten der Lernenden erst dann als solche zur Geltung kommen, wenn sie gegenseitig wahrgenommen und gleichsam situativ neu ausgehandelt werden. Diese Perspektive stützt sich auf sozialphilosophische Grundlagen des Pragmatismus und der Hermeneutik, die als Forschungsprogramm stets sozialwissenschaftlicher Validierung bedürfen, ein Anliegen, das Urs Ruf in den Jahren seiner Forschungstätigkeit an der Universität Zürich forciert und umgesetzt hat. Wissenskonstruktion beruht auf Dialog, der schlechte Leistungen nicht lediglich als Defizite wahrnimmt, sondern als Entwicklungspotenzial. Der Kern des dialogischen Lehr-Lern-Konzepts ist auf der Website zum dialogischen Lernen von Urs Ruf und Peter Gallin anschaulich wie folgt beschrieben (vgl. http://www.lerndialoge.ch [12.05.2018]):

„Strukturierendes Element des Unterrichts ist der Dialog zwischen

  • der Lehrperson, deren Angebot sich an der Fachlogik und am Lehrplan orientiert,
  • und den Schülerinnen und Schülern, die das Angebot der Lehrperson auf je individuelle Weise nutzen.

Hauptaufgabe der Schülerinnen und Schüler ist es, ihre persönliche Nutzung des Angebots möglichst authentisch zu dokumentieren;

Hauptaufgabe der Lehrperson ist es, interessante und Erfolg versprechende Nutzungen des fachlichen Wissens und Könnens in den Schülerarbeiten sichtbar und für die Entwicklung der Lernenden nutzbar zu machen.

Dieses wertschätzende Lernen am Erfolg ermöglicht es auch schwächeren Schülerinnen und Schülern, drei für den Aufbau der Motivation grundlegende Erfahrungen zu machen:

  • die Erfahrung der Autonomie (Ich stehe auf eigenen Füssen),
  • die Erfahrung der sozialen Eingebundenheit (Meine Lernpartner hören mir zu) und
  • die Erfahrung der Kompetenz (Ich mache Fortschritte).“

Daraus ist Urs Rufs unterrichtspraktischer Forschungsschwerpunkt ersichtlich, der ebenso der didaktischen Modellierung in komplexen Lehr-Lernumgebungen wie auch der Evaluierung von Unterricht Beachtung schenkte. Hervorragende Feldkenntnis wie auch internationale Vernetzung, vorwiegend im deutschsprachigen Raum, waren Gewähr dafür, dass seine didaktische und in Fachdidaktik wurzelnde Gymnasialpädagogik sich mit zentralen, wissenschaftlich stufenspezifischen Forschungsfragen befasste.

Urs Ruf lehrte im Rahmen der Ausbildung zum Höheren Lehramt bzw. zum Lehrdiplom. Sein Fokus lag auf der Allgemeinen Didaktik im Hinblick auf den Unterricht an Gymnasien. Er hat hierbei ein – auch international wahrgenommenes – Profil einer „Dialogischen Didaktik“ entwickelt, die sich auch in den universitären Lehrveranstaltungen spiegelte. Er führte die betreute Lernplattform ein, um damit die Präsenzveranstaltung und den Austausch via Internet auf produktive Weise miteinander zu verbinden. Neben der einführenden Vorlesung in die Grundlagen der Allgemeinen Didaktik und dem Kolloquium für Diplomkandidatinnen und -kandidaten waren „Theorien, Modelle und Instrumente der Didaktik“, das „Schreiben im Unterricht“, „Das eigene Lernen verstehen und andere beim Lernen unterstützen“ sowie „komplexe Lehr-Lernumgebungen“ weitere Schwerpunkte seiner Lehre.

Prof. Dr. Urs Ruf trat am 31. Juli 2010 in den Ruhestand. Er ist seither weiterhin als Experte für „Dialogisches Lernen“ tätig, vielgefragter Referent und er leitet Schulprojekte in Deutschland, Österreich und in der Schweiz (vgl. auch seine Website als Emeritus: http://www.ife.uzh.ch/de/ueberuns/emeriti/rufurs.html [12.05.2018]).

Von Urs Ruf betreute Dissertationen an der Universität Zürich

2006

Badr Goetz, Nadja

Das Dialogische Lernmodell

2007

Weber, Christof

Mathematische Vorstellungen bilden: Praxis und Theorie von Vorstellungsübungen im Mathematikunterricht der Sekundarstufe II

2009

Weber, Christine

Lehrerinnen und Lehrer lesen Texte: Untersuchung zur Lektüre und Beurteilung von Schülertexten

2016

Pabst, Eva

Dialogische Deutschdidaktik: eine empirische Studie zum Aufbau fachdidaktischer Handlungsexpertise im Lehramtsstudium

Vgl. Dissertationsdatenbank 1956-2017

Quellen und Literatur

Ruf, U. (1974). Franz Kafka: Das Dilemma der Söhne. Das Ringen um die Versöhnung eines unlösbaren Widerspruchs in den drei Werken "Das Urteil", "Die Verwandlung" und "Amerika". Berlin: Erich Schmidt Verlag.

Ruf, U., Keller, S. & Winter, F. (Hrsg.). (2008). Besser lernen im Dialog. Dialogisches Lernen in der Unterrichtspraxis. Seelze: Kallmeyer.

Ruf, U. & Gallin, P. (2014a). Dialogisches Lernen in Sprache und Mathematik. Band 1: Austausch unter Ungleichen. Grundzüge einer interaktiven und fächerübergreifenden Didaktik (5. Auflage). Seelze-Velber: Kallmeyer.

Ruf, U. & Gallin, P. (2014b). Dialogisches Lernen in Sprache und Mathematik. Band 2: Spuren legen – Spuren lesen. Unterricht mit Kernideen und Reisetagebüchern (5. Auflage). Seelze-Velber: Kallmeyer.

Autorenschaft

Franz Eberle

Zeitmarke

01.09.1999