Andreas Ludwig Kym (1822-1900)

Abstract

Ein halbes Jahrhundert lehrte der Schweizer Theologe und Philosoph Andreas Ludwig Kym, geboren 1822 im Kanton Thurgau, an der Universität Zürich. Mit erlangter Habilitation begann er 1849 seine Lehrtätigkeit an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich und dozierte zu Themen der Philosophie, Religion, Logik, Metaphysik, Psychologie und – beschränkt auf zwei Vorlesungen – auch der Pädagogik. In der Geschichte der Philosophischen Fakultät des 19. Jahrhunderts war Kym eine prägende Figur. So wurde er 1856 zum ersten Ordinarius für „spezielle, namentlich spekulative Philosophie“ ernannt und bekam nach seinem Rücktritt 1899/1900 den Titel eines Honorarprofessors zugesprochen.

Andreas Ludwig Kym wurde am 30. März 1822 im kleinen Dorf Berlingen am Untersee im Kanton Thurgau geboren. Er heiratete Anna Biedermann, mit der er eine Tochter bekam, Hedwig Kym, die später als Lyrikerin und Frauenrechtlerin bekannt wurde. Andreas Ludwig Kym besuchte zunächst die heimische Dorfschule und anschliessend die Sekundarschule in Steckborn. Bereits in jungen Jahren wurde er durch den Ortsgeistlichen in Alten Sprachen unterrichtet. Im Alter von 18 Jahren trat er ins Basler Pädagogium ein, begann drei Jahre später sein Theologiestudium und reiste dann nach Berlin, wo er unter dem Einfluss des deutschen Philosophen, Philologen und Pädagogen Friedrich Adolf Trendelenburg (1802-1872) mit einer philosophisch ausgerichteten Dissertation im Jahr 1846 nach nur drei Semestern mit der Abhandlung „De juris notione Spinozae“ promovierte (vgl. Gagliardi et al.1938).

Nach weiteren, den Naturwissenschaften gewidmeten Berliner Semestern habilitierte er 1849 in Zürich im Fach Philosophie und wurde Eduard Bobriks (1802-1870) Nachfolger. In seiner Habilitationsschrift kritisierte er unter Verweis auf die Kritik Trendelenburgs an Hegels „Logik in den logischen Untersuchungen“ die Parallelitätsthese Hegels in ihrer Anwendung auf die historische Entwicklung der Philosophie und machte auf die Unstimmigkeiten aufmerksam, indem er konkret auf die geschichtliche Dimension der Philosophie verwies (vgl. Hegel 1849; Kym, Habilitationsschrift, Hegels Dialectic 1849).

1849 wurde er in Zürich Privatdozent für Philosophie und hielt im Sommersemester des gleichen Jahres seine erste Vorlesung „Philosophie der Religion“ an der Philosophischen Fakultät. Im Sommersemester 1851 wurde er zum ausserordentlichen Professor ohne Gehalt für Philosophie berufen und vier Jahre später zum ersten Inhaber des Ordinariats für „spezielle, besonders der spekulativen Philosophie“ befördert. Er dozierte über fast sämtliche Gebiete der Philosophie sowie über deren Geschichte. Ein 1875 erschienener Sammelband „Metaphysische Untersuchungen“ gibt einen Begriff von seinem vielseitigen Schaffen (vgl. Gagliardi et al. 1938).

Das damalige Gesamtgebiet der Philosophie (Systematik und Geschichte der Philosophie, Pädagogik und Psychologie) war seit 1856 an der Fakultät durch zwei Ordinariate vertreten, zu denen im Laufe der Zeit noch eine Reihe von Extraordinariaten hinzu kamen. Im 19. Jahrhundert hatten sich die Disziplinen Pädagogik und Psychologie noch nicht institutionell von der Philosophie differenziert und die zwei Lehrstühle für Philosophie waren auch für die beiden anderen Bereiche zuständig. Kym selber widmete sich mehrheitlich der Psychologie und referierte nur am Rande zu pädagogischen Themen (vgl. Gagliardi et al. 1938; Criblez 2011).

Die Etablierung der Lehrämter mit einer Reihe von Neuerungen wie das permanente Angebot von Sekundar- und Gymnasiallehrgänge sowie eine neue Ausrichtung der zwei Philosophielehrstühle zeichnen ein Bild der veränderten Bedürfnisse im Bereich der Pädagogik an der Universität Zürich. Zwar wurde kein zusätzliches Ordinariat für die Fächer Pädagogik oder Psychologie geschaffen, aber mit der Berufung von Richard Avenarius 1876 auf einen der Philosophie-Lehrstühle wurde die Ausrichtung auf die Systematische Philosophie, Pädagogik und Psychologie festgelegt und Avenarius hielt regelmässig Vorlesungen in den Bereichen der Pädagogik und Psychologie. Die überwiegende Mehrzahl der Pädagogik-Veranstaltungen jedoch richtete sich an Studierende des Sekundarlehramts und wurde durch Otto Hunziker unterrichtet.

Kym lehrte ein halbes Jahrhundert an der Universität Zürich. Zahlreiche Theologiestudierende sowie Geistliche besuchten von 1849 bis 1900 seine Vorlesungen und praktischen Übungen. Obwohl er zu den wichtigen Personen der deutschsprachigen Wissenschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zählte, hatte sein Schaffen laut der Festschrift zur Jahrhundertfeier der Universität Zürich keinen nachhaltigen Einfluss: „Bedeutende Wirksamkeit entfaltete er kaum, wenn auch die ganze heranwachsende Geistlichkeit durch seine Vorlesungen über Logik, Metaphysik, Psychologie, Einführung in die Philosophiegeschichte, über Aristoteles, Spinoza, Hegel, in Kyms praktische Übungen ging“. Von 1857-1859 war Kym Dekan an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich (vgl. Gagliardi et al. 1938, Peters 2016).

Auf sein Gesuch hin wurde Andreas Ludwig Kym Ende des Wintersemesters 1899/1900 würdevoll in den Ruhestand versetzt. Er trug jedoch weiterhin den Titel eines Honorarprofessors, was ihm ermöglichte, weiterhin einzelne Vorträge zu halten. Kym wurde nach ununterbrochener 50-jähriger Lehrtätigkeit an der Universität Zürich vom akademischen Senat verdankt. Dieses Jubiläum wurde unter anderem mit Beteiligung einer Abordnung des Erziehungsrates mit einem Festbankett im Hotel Viktoria gefeiert. Am 1. Mai 1900 verstarb Andreas Ludwig Kym und seine Erben verschenkten einen Teil seiner äusserst wertvollen Bibliothek an das philosophische Seminar (vgl. Jahresbericht UZH 1900).

Literatur

Criblez, L. (2011). Eine Disziplin für unterschiedliche Professionsansprüche (1857-1949). In: R. Hofstetter & B. Schneuwly (Hrsg.), Zur Geschichte der Erziehungswissenschaften in der Schweiz: Vom Ende des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts (S. 49-68). Bern: Hep.

Geldsetzer, L. (1968). Die Philosophie der Philosophiegeschichte im 19. Jahrhundert. Zur Wissenschaftstheorie der Philosophiegeschichtsschreibung und -betrachtung. Band 315.

Peters, T. (2016). Ein vergessener Forschungsstand. Friedrich Adolf Trendelenburg, Hermann Rudolf Lotze, Carl Stumpf und Kurt Lewin. Eine Sichtweise auf die Diskussion zur exakten Wissenschaft und zum Marxismus, Neopositivismus, Neoliberalismus. Essen: BoD.

Gagliardi, E., Nabholz, H. & Strohl, J. (1938). Die Universität Zürich 1833-1933: Festgabe zur Jahrhundertfeier. Zürich: Verlag der Erziehungsdirektion.

Quellen

UZH Archiv (UAZ)

AB.1.0572 Dozierendendossier Andreas Ludwig Kym. Jahresberichte online unter: https://www.archives-quickaccess.ch/search/stazh/jbuzh, abgerufen am 14.5.2018.

Universität Zürich. (1833–1900). Historische Vorlesungsverzeichnisse der Universität Zürich 1833–1900 [Online-Quelle]. Abgerufen am 14.5.2018 unter http://www.histvv.uzh.ch/

Publikationen von Andreas Ludwig Kym (Auswahl)

Kym, A.L. (1846). De juris notione Spinozae. Diss.

Kym, A.L. (1847). Bewegung, Zweck und die Erkennbarkeit des Absoluten.

Kym, A.L. (1849). Hegels Dialectik in ihrer Anwendung auf die Geschichte der Philosophie. Habilitationsschrift.

Kym, A.L. (1854). Die Weltanschauungen und deren Consequenzen. Acad. Vortr. mit Erweiterungen, Bd. 54.

Kym, A.L. (1856). Die menschliche Freiheit. Halle.

Kym, A.L. (1862). Die Gotteslehre des Aristoteles und das Christentum. Zürich: Orell Füssli.

Kym, A.L. (1862). Rede, gehalten zur Feier des 100. Geburtstages von Gottlieb Fichte.

Kym, A.L. (1875). Metaphysische Untersuchungen.

Kym, A.L. (1878). Ueber das Problem des Bösen.

Kym, A.L. (1890). Ueber die menschliche Seele, ihre Selbstrealität und Fortdauer.

Autorenschaft

Olga Pollack, Nina Lutz

Zeitmarke

1848