Richard Ludwig Heinrich Avenarius, ursprünglich Richard L. H. Habermann (1843-1896)

Abstract

Richard Ludwig Heinrich Avenarius, ehemals Richard L. H. Habermann, war ein deutscher Philosoph. Er studierte von 1865 bis 1868 Philosophie, Philologie und Psychologie an den Universitäten in Zürich, Leipzig und Berlin. 1868 wurde er in Leipzig promoviert und 1876 habilitiert. 1877 folgte er mit nur 34 Jahren einem Ruf als ordentlicher Professor für Philosophie an die Universität Zürich. Dort war er von 1877 bis 1896 tätig und hielt Vorlesungen in Psychologie, Philosophie, Logik und Pädagogik an der Philosophischen Fakultät. Seine Lehre bezeichnete er als Empiriokritizismus. Erst auf seinem Totenbett 1896 erhielt er den lang ersehnten Ruf an eine deutsche Universität.

Richard Avenarius kam am 19. November 1843 in Paris zur Welt als Sohn des angesehenen Buchhändlers und Verlegers Eduard Habermann und der Cäcilia Auguste, geborene Geyer, die eine Tochter des Hofschauspielers Geyer in Dresden und eine Stiefschwester Richard Wagner’s war. Seine Eltern kehrten nicht lange nach der Geburt ihres Sohnes nach Deutschland zurück, wo sie zunächst in Leipzig, dann in Berlin wohnten. Nachdem sein Vater seinen Buchhandel aufgegeben hatte, behielt er noch das Literarische Centralblatt für Deutschland in seinem Verlag, das zunächst als Wochenschrift mit Rezensionen zu Büchern auf allen Gebieten der damaligen Zeit von dem Germanisten Friedrich Zarncke (1825-1891) herausgegeben wurde. Obwohl es ihm widerstrebte, fügte sich Avenarius dem Willen seines Vaters und erlernte den Beruf des Buchhändlers. Schliesslich gab sein Vater der Neigung seines Sohnes zur Wissenschaft nach und erlaubte ihm, den Buchhandel für eine wissenschaftliche Laufbahn zu verlassen. Mit Begabung und Fleiss bestand der junge Avenarius die Reifeprüfung an der Alten Nikolaischule, die erste städtische Bürgerschule in Leipzig, mit sehr guten Noten. Als er dann seinen Familiennamen zu „Avenarius“ latinisierte, knüpfte Richard Ludwig Heinrich Avenarius an einen Vorfahren in der väterlichen Linie an, der ebenfalls den Nachnamen „Habermann“ (von „Hafer“, lat.: „avena“) ins Lateinische übersetzt hatte (vgl. Heinze 1902).

Nach philologischen, physiologischen und besonders philosophischen Studien an den Universitäten in Zürich, Berlin und Leipzig (1865 bis 1868) promovierte er im Jahre 1868 mit seiner Dissertation „Ueber die beiden ersten Phasen des Spinozischen Pantheismus und das Verhältniß der zweiten zur dritten Phase, nebst einem Anhang über Reihenfolge und Abfassungszeit der älteren Schriften Spinoza’s“. Die nächsten Jahre verbrachte Avenarius teils in Dresden, teils in Berlin und auf diversen Reisen, die ihn in den Süden, nach Italien, Spanien sowie auch nach Algerien führten. In dieser Zeit beschäftigte er sich mit philosophischen Problemen und er beschloss, eine Habilitation an der Universität Leipzig im Fach Philosophie einzureichen. Seine Habilitationsschrift, die er bei Wilhelm Wundt, Moritz Wilhelm Drobisch und Max Heinze im Jahre 1876 verfasste, zeigte schon deutlich den Weg, den er später gehen sollte: „Philosophie als Denken der Welt gemäß dem Princip des kleinsten Kraftmaßes. Prolegomena zu einer Kritik der reinen Erfahrung“ (vgl. Strobel 1953).

In Leipzig gründete er die philosophische Zeitschrift, die „Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie“, in der er den Standpunkt vertrat, dass jede Wissenschaft und so auch die Philosophie nur auf Grund der Erfahrung möglich sei. Auch hatte Avenarius eine Begabung dafür, seine Studenten vom Studium der Philosophie zu begeistern. Nach nur anderthalb Jahren, in denen er als Privatdozent an der Universität in Leipzig dozierte, erhielt er mit 34 Jahren 1877 einen Ruf nach Zürich als Nachfolger Wilhelm Windelband’s und ordentlicher Professor der Induktiven Philosophie, die einen abstrahierenden Schluss aus beobachteten Phänomenen auf eine allgemeinere Erkenntnis, etwa einen allgemeinen Begriff oder ein Naturgesetz, konstatiert (vgl. Die Universität Zürich 1938).

In Zürich heiratete Avenarius Maria Semper aus Hamburg, die Schwester des bekannten Zoologen Karl Gottfried Semper. Sie hatte Verständnis für seine philosophischen Studien, doch blieb die Ehe kinderlos. Avenarius investierte sehr viel Zeit und Arbeit in seine Vorlesungen und der Ausarbeitung seines philosophischen Systems, das er Empiriokritizismus nannte, anlehnend an den Nebentitel seiner Habilitationsschrift. Der Empiriokritizismus wird dabei als erkenntnistheoretischer Ansatz definiert, der Schlüsse über den Erfahrungshorizont hinaus als metaphysisch oder übersinnlich ablehnt. So wies er in seinem philosophischen System alles zurück, was nicht mess- oder erfahrbar war und vertrat dezidiert die Überzeugung, dass alle Wissenschaft und Philosophie nur durch Erfahrung möglich sei (vgl. Ewald 1905).

In seinen Vorlesungen über Logik, Psychologie und allgemeine Pädagogik vermochte Avenarius seine Zuhörer und seine vielen Zuhörerinnen mit einer eloquenten Sprache, einer gewissen Leichtigkeit des Verständnisses und rhetorischen Mitteln zu fesseln, doch auch die Folgerichtigkeit seines Denkens begeisterte sein Publikum. Sein eigentliches Lebenswerk ist die „Kritik der reinen Erfahrung“ (vgl. Avenarius 1888/90), gefolgt von „Der menschliche Weltbegriff“ (vgl. Avenarius 1891).

Avenarius konnte mit dem Erfolg seiner Vorlesungen zufrieden sein; sie wurden eifrig besucht. Seine Werke dagegen, namentlich die „Kritik der reinen Erfahrung“, fanden nicht die gewünschte Aufnahme, obschon sich um ihn in den letzten Jahren ein Kreis von begeisterten Studierenden sammelte. Die von ihm verwendete komplexe Begrifflichkeit und Symbolik erschwerten den Zugang zu seiner Lehre, die erst nach seinem Tod, unter anderem von Edmund Husserl und dem Wiener Kreis um Ernst Mach rezipiert wurde und auch Schriftsteller wie Hugo von Hofmannsthal und Robert Musil beeinflusste. Da Autoren wie Anatoli Lunatscharski versuchten, den Empiriokritizismus als Erkenntnistheorie in den historischen Materialismus zu integrieren, wurde er von Lenin in „Materialismus und Empiriokritizismus“ (1908) der Kritik unterzogen (vgl. Lenin 1909).

Er empfand es als bitter, dass ihm die wissenschaftliche Anerkennung nicht in Form eines Rufes an eine Universität Deutschlands zuteil wurde. In späteren Jahren wurde seine wissenschaftliche Tätigkeit öfters durch Krankheiten unterbrochen. Erst auf seinem Totenbett erhielt er einen Ruf für die Nachfolge des österreichischen Philosophen und Vertreter des Neukanitilismus, Alois Adolf Riehl (1844-1924) auf seinen Lehrstuhl an der Universität Freiburg im Breisgau. Richard Ludwig Heinrich Avenarius verstarb am 18. August 1896. Seine Asche befindet sich immer noch im Archiv der Universität Zürich (vgl. Heinze 1902; vgl. Artikel zur Asche von Richard Avenarius).

Literatur

„Die Universität Zürich 1833-1933 und ihre Vorläufer“. Festschrift zur Jahrhundertfeier, herausgegeben vom Erziehungsrate des Kantons Zürich. 1938. S.706-709. Stichwort: Richard Avenarius.

Ewald, O. (1905). Richard Avenarius als Begründer des Empiriokritizismus. Berlin: Ernst Hofmann.

Heinze, M. (1902). Avenarius, Richard. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 46. Leipzig: Duncker & Humblot. S. 147-149.

Lenin, W. I. (1909). Materialismus und Empiriokritizismus. Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie.

Strobl, W. (1953). Avenarius, Richard Heinrich Ludwig. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 1. Berlin: Duncker & Humblot. S. 468. Digitalisat unter: http://daten.digitale-sammlungen.de/0001/bsb00016233/images/index.html?seite=486

Wittich, D. (1986). Zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte von W.I. Lenins Werk "Materialismus und Empiriokritizismus", 1986.

Autorenschaft

Olga Pollack

Zeitmarke

1877