Otto Hunziker (1841–1909)

Otto Hunziker war Pfarrer, Lehrer und langjähriger Professor für Pädagogik in Zürich. Zudem war er einer der wichtigsten Pestalozziforscher des 19. Jahrhunderts und treibende Kraft der Entwicklung des gewerblichen Schulwesens in der Schweiz.

Am 13.8.1841 wurde Otto Hunziker als Sohn von Karl Hunziker, einst Regierungssekretär für das Armenwesen in Bern und Baraba Schinz, Tochter des Naturforschers Professor Schinz in Kreuzbühl, Zürich, geboren. Vier Jahre später kam sein Bruder Fritz zur Welt. In seinem Nachruf in der Neuen Zürcher Zeitung, der von Rudolf Wachter, Altpfarrer in Kilchberg geschrieben wurde, wird Hunziker allgemein als naturliebend, sehr arbeitsfreudig, selbstlos, gerecht und allseits beliebt beschrieben (vgl. StAZH, U 109.4.50, NZZ).

Bereits im Gymnasium habe er seinen Wunsch geäussert, Pfarrer zu werden und studierte anschliessend von 1860 bis 1865 Theologie und Geschichte an der Universität Zürich. Eine Reise nach Deutschland führte ihn nach dem Abschluss ins Rauhe Haus Johann Hinrich Wicherns und weitere Anstalten, was sein Interesse für das Thema Gerechtigkeit förderte. Im Rahmen der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft arbeitete er daher später in der Kommission für Armenlehrerbildung mit und war zudem einer der ersten, der die Förderung von weiblichen Fortbildungskursen und Schulen für hauswirtschaftlichen Unterricht bewarb (vgl. StAZH, U 109.4.50, Nachruf; Grunder 2007).

1865 nahm Hunziker seine Arbeit als Vikar, ab 1867 als gewählter Pfarrer in Unterstrass auf. 1868 heiratete er Luise Pupikofer von Unter-Luttwil (Thurgau), die Tochter des ehemaligen Pfarrers von Berlingen. Aus der als glücklich geltenden Ehe gingen vier Kinder hervor. 1871 trat Hunziker vom Pfarramt zurück, um Lehrer an der Kantonsschule Zürich zu werden. Dort unterrichtete er Religion, Deutsch, Geschichte und Geographie. 1872 nahm er eine provisorische Lehrstelle für Geschichte an der Industrieschule an und bekam ein Jahr später die definitive Anstellung für allgemeine, vaterländische und Handelsgeschichte. 1873 übernahm er dort zudem das Amt des Prorektors, 1876 dann das Amt des Rektors (vgl. StAZH, U 109.4.50, NZZ).

1875 wurde Hunziker Professor an der Kantonsschule und erhielt die Doktorwürde für seine Dissertation Wallenstein als Landesherr, insbesondere als Herzog von Mecklenburg. Nach seiner Habilitation 1878 lehrte er als Privatdozent an der Universität Zürich Geschichte der Pädagogik und zwischen 1886 und 1907 war er zugleich Privatdozent am Eidgenössischen Polytechnikum. Des Weiteren war Hunziker bis 1878 Mitglied und Präsident der kantonalen Zürcher Sekundarschulpflege und von 1872–1878 Mitglied des Kantonsrates. Als der Erziehungsrat ihn 1879 zum Lehrer der Pädagogik und Religion am Lehrerseminar in Küsnacht ernannte, fiel es ihm nicht leicht, die Tätigkeit an der Industrieschule aufzugeben (vgl. StAZH, U 109.4.50, NZZ).

1873 gründete er die Gewerbeschule in Zürich, 1874 die Schweizerische permanente Schulausstellung mit einer Lehrmittelsammlung, Bibliothek und Archiv. Dort eröffnete er 1878 das Pestalozzistübchen, aus dem die spätere Forschungsstätte Pestalozzianum hervorging. Um diese Institutionen, deren Direktor er war, kümmerte er sich auch noch intensiv, nachdem er von Zürich weg und nach Küsnacht zog. Ein grosser Teil seiner Zeit floss überdies in das Redigieren des Schweizerischen Schularchivs sowie weiterer Zeitschriften (vgl. StAZH, U 109.4.50, NZZ).

1890 erkrankte Hunziker an einer lebensbedrohlichen Brustfellentzündung. Daher verfasste er am 11.8.1890 eine Anfrage an die Erziehungsdirektion für eine Anstellung in der Stadt Zürich, die ihm in Anbetracht seiner Gesundheitsprobleme gestatten würde, auf die Lehrstelle in Küsnacht zu verzichten. Der Erziehungsrat kam seiner Bitte nach und wandelte die bisherige Privatdozentenstelle in ein Extraordinariat um. Ab dem 15.10.1890 wurde Hunziker aufgrund seiner langjährigen Arbeit als Privatdozent zum ausserordentlichen Professor für Geschichte der Pädagogik und der schweizerischen Schule mit einer Jahresbesoldung von 3000 Franken, so dass er ohne finanzielle Sorgen die Stelle am Lehrerseminar aufgeben konnte. Seine Vorlesungen thematisierten hauptsächlich das schweizerische und internationale Volksschulwesen, die Geschichte der Pädagogik, Pestalozzi sowie weitere pädagogische Klassiker (vgl. StAZH, U 109.4.50, RRB 1890/1677; Moser, 2011).

1884 übernahm er die Initiative zur Errichtung des schweizerischen Zentralarchivs für Gemeinnützigkeit, ein Sammeldepot für allerlei Schriften von und über gemeinnützige Unternehmen und Vereine (vgl. StAZH, U 109.4.50, NZZ).

1895 nahm er die Berufung in die neue Kirchensynode an und behielt das Mandat bis zu seinem Umzug nach Kilchberg. Im Oktober desselben Jahres erkrankte er jedoch an einer "hochgradigen Hirnhyperämie und seitheriger geistiger Überanstrengung" (StAZH, U 109.b2, RRB 1901/1187).

Am 25.6.1901 ersuchte er aus gesundheitlichen Gründen die Entlassung als ausserordentlicher Professor unter Gewährung eines Ruhegehaltes. Die Universität Zürich gewährte ihm sein Anliegen und verlieh Hunziker daraufhin den Titel eines Honorarprofessors, um sein uneigennütziges Wirken am Pestalozzianum zu ehren. Seiner Krankheit zum Trotz sollte er damit prinzipiell noch Vorlesungen auf dem Gebiet der schweizerischen Schulkunde halten können und damit aus der Sicht der Universität eine Lücke im Vorlesungsverzeichnis schliessen (vgl. StAZH, U 109.b2, RRB 1901/1187).

Bis 1907 trat er auch von allen anderen Stellen zurück. In den folgenden Jahren lähmten kleinere Schlaganfälle einzelne seiner Organe und schränkten seine Lebensweise stark ein. Anfang Mai erlitt der 68-Jährige erneut einen Hirnschlag und starb am 23.5.1909 (vgl. StAZH, U 109.4.50, NZZ).

Aus dem Protokoll des Regierungsrates 1901 (StAZ, U 109.2, RRB 1901/1205) geht hervor, dass sein Lehrstuhl nicht wieder besetzt, sondern Professor H. Maier die Geschichte der Pädagogik zugeteilt wurde. Ab 15.4.1910 übernahm dann Willy Freytag, vorher Titularprofessor und Privatdozent in Bonn, die ausserordentliche Professur für "Philosophie, vorzugsweise Geschichte derselben, Logik, Methaphysik [sic!], Erkenntnistheorie & Geschichte der Pädagogik" (StAZH, Z 70.3097, S. 255).

Von Otto Hunziker betreute Dissertation an der Universität Zürich im Bereich Pädagogik

1903

Popova, Maria

Die Bewegung für Einführung des wechselseitigen Unterrichts in England und in den Volksschulen des Kontinents zu Anfang des 19. Jahrhunderts

Vgl. Dissertationsdatenbank 1899-1955

Tätigkeiten und Mitgliedschaften in Vereinen und Kommissionen:

  • Mitglied im Zofingerverein
  • Mitglied und Aktuar der Aufsichtskommission der Pestalozzistiftung
  • Mitglied der Kommission für Versorgung verwahrloster Kinder des Bezirks Zürich
  • Mitglied der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG)
  • Mitglied des Lehrervereins Zürich (ab ca. 1870)
  • Mitglied der Redaktion der Zeitschrift für Gemeinnützigkeit (1869–1873)
  • Mitglied und Aktuar der Kommission für Bildung von Armenlehrern der SGG (1867–1875)
  • Vorstand der Archivkommission für Gemeinnützigkeit
  • Mitglied und Aktuar der Zentralkommission der SGG (ab 1879)
  • Mitglied und Aktuar der Bildungskommission der SGG (ab 1893)
  • Vorstand der Gemeinnützigen Bezirksgesellschaft Meilen

Publikationen und Schriften (Auszug):

(1868). Zur Regierung und Christenverfolgung des Kaisers Diokletian und seiner Nachfolger 303-313. Leipzig: Teubner.

(1875). Wallenstein als Landesherr insbesondere als Herzog von Meklenburg (Vol. 1875, Programm der Kantonsschule in Zürich. Beilage). Zürich: [s.n.].

(1880–1890). Schweizerisches Schularchiv, Bde. 7 u. 8, Orell Füssli, Zürich 1886/87

mit den Beilagen:

  • Pestalozzi-Blätter (1878–1906)
  • Die gewerbliche Fortbildungsschule: Blätter zur Förderung der Interessen derselben wie in der Schweiz, hrsg. mit Friedrich Graberg seit 1884
  • Organ der Schweizerischen Schulausstellung in Zürich

(1881). Übersicht über den gesetzlichen und tatsächlichen Bestand des Fortbildungsschulwesens in der Schweiz. Bern: [s.n.].

(1881-1882). Geschichte der Schweizerischen Volksschule in gedrängter Darstellung mit Lebensabrissen der bedeutenderen Schulmänner und um schweizerische Schulwesen besonders verdienter Personen bis zur Gegenwart, 3 Bände. Zürich: Friedrich Schulthess.

(1883). Geschichte der zürcherischen Schulsynode, 3 Bände 1881–1882. Zürich: J. Schabelitz Druckerei.

(1889). Bilder zur neueren Geschichte der schweizerischen Volksschule. Zürich: Friedrich Schulthess. (1893). Das schweizerische Schulwesen. Geschichtliche Entwicklung und gegenwärtige Verhältnisse. S.l.: [s.n.].

(1890). Familienbriefe, betr. Anna Schulthess und ihre Verlobung mit Pestalozzi. Zürich: [s.n.]. (1891). Pestalozzi-Studien I. Zürich, Aussersihl: Coradi-Stahl.

(1896). Zur Entstehungsgeschichte und Beurtheilung von "Lienhard und Gertrud". Zürich: [s.n.].

(1896). Heinrich Pestalozzi. Eine biographische Skizze. Zürich: Friedrich Schulthess.

(1898). Pestalozzi, französischer Bürger. In: Festgaben zu Ehren Max Büdingers, S. 405-427.

(1901). Die Lehrer Pestalozzis. In: Mitteilungen der Gesellschaft für deutsche Erziehungs- und Schulgeschichte, 11. Jg., 1901, S. 226–234.

(1910). Geschichte der Schweizerischen gemeinnützigen Gesellschaft 1810–1910. Zürich: Zürcher & Furrer.

(1926). Heinrich Pestalozzi. Winterthur: Stadtbibliothek.

(1927). Heinrich Pestalozzi. Zürich: Schulthess.

Reden:

(1878). Habilitationsrede: Pestalozzi und Fellenberg.

(1892). Comenius und Pestalozzi. Festrede gehalten an der Comenius-Feier am 13.3.1892 in Zürich.

(1895). Der Memorialhandel und der Stäfnerhandel 1794–1795. Vortrag, gehalten an der Gedächtnisfeier zu Stäfa am 7.7.1895 im Auftrag der gemeinnützigen Gesellschaft des Bezirkes Meilen.

(1899). Rede bei Einweihung des Pestalozzidenkmals am 26.10.1899 in Zürich.

Quellen und Literatur:

Grunder, H. (2007). Hunziker, Otto, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), URL: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D9032.php [5.2.18].

Moser, Christian. (2011). Repertorium der Vorlesungen an der Universität Zürich, 1833-1900. Zug: Achius.

Staatsarchiv Zürich (StAZH)

  • U 109.b2, Protokoll des Regierungsrates. Antrag Otto Hunziker 1901.
  • U 109.2, Protokoll des Regierungsrates. Unterlagen zu Kandidaten 1901.
  • U 109.4.50, ohne Quellenangabe. Nachruf Prof. Dr. Otto Hunziker 1909.
  • U 109.4.50, Protokoll des Regierungsrates. Antrag Otto Hunziker 1890.
  • U 109.4.50, Neue Zürcher Zeitung. Wachter, Rudolf: Nachruf Otto Hunziker, 9.6.1909.
  • Z 70.3097, Jahresberichte der Universität Zürich 1910.

Rauhe Haus Link: http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Rauhes+Haus

Bild aus Hunziker, Rudolf. (1910). Zum Andenken an Professor Dr. Otto Hunziker von Aarau, Bern und Zürich. 1841-1909 (Vol. 349, Nekrologe & Kurzbiographien). Winterthur: Ziegler.

Autorenschaft:

Nina Hüsler

Zeitmarke:

1878