Entwicklung des Lehrangebots am Institut für Sonderpädagogik (ISP)

Abstract

Um einen Eindruck zur Entwicklung des Lehrangebots zu vermitteln, wurde exemplarisch für das erste und das letzte Jahr sowie für jedes Jahrzehnt des Bestehens des Instituts für Sonderpädagogik (1973-2009) ein Semester ausgewählt. Dargestellt werden die Menge und – beispielhaft – die inhaltliche Ausrichtung der Lehrveranstaltungen. Es lässt sich zeigen, wie bis etwa Mitte der 1980er-Jahre das Angebot an Veranstaltungen zu spezifischen Behinderungskategorien wie zum Beispiel der Hör-, Seh- oder geistigen Behinderung stetig zunahm, ein Trend, welcher der damaligen Entwicklung der sogenannten ,Differenziellen Heilpädagogik’ entsprach. Bereits ab Mitte der 1980er-Jahre lässt sich aber auch eine Verschiebung zugunsten von übergreifenden Themen wie Integration (und später Inklusion), Beratung und Systementwicklung sowie soziologischen Zugängen zu sonderpädagogischen Fragestellungen beobachten.

Die Anfänge: Aufgleisung eines sonderpädagogischen Lehrangebots

Bereits im Wintersemester 1974/75, Prof. Dr. Gerhard Heeses erstem offiziellen Amtssemester an der Universität Zürich, wurden den Studierenden im Fach Sonderpädagogik elf Lehrveranstaltungen angeboten oder empfohlen. Drei davon sind der Allgemeinen Sonderpädagogik zuzuordnen, z.B. die Übung „Integration oder Separation behinderter Schüler“ oder „Therapie in Erziehung und Unterricht mit Übungen“, beide von Heese selbst gehalten. Vier Veranstaltungen behandelten Themen der Differenziellen Heilpädagogik, zum Beispiel die Vorlesung „Lernstörung, Lernbehinderung und geistige Behinderung, mit Übungen“ von S. Solarová, oder „Behinderung des Hörens (Schwerhörigkeit, Taubheit), mit Übungen“ von Heese. Als weitere Behinderungsart war die Verhaltensstörung durch zwei eigene Lehrveranstaltungen abgedeckt. Daneben gab es ein Lizentianden- und Doktorandenkolloquium, eine Veranstaltung zum Sozialversicherungsrecht und zwei Angebote im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie. Neben dem Lehrstuhlinhaber, der selber fünf Lehrveranstaltungen anbot, waren damals weitere vier Personen in der Lehre engagiert. Bereits damals war ein mindestens vierwöchiges Praktikum obligatorisch. Es existierte eine eigene Fachschaft Sonderpädagogik (Informationen zum Studium der Sonderpädagogik. WS 74/75).

1970er-Jahre: Differenzielle Heilpädagogik und praktische Angebote

Im Wintersemester 1977/78 wurden am ISP 16 Lehrveranstaltungen angeboten, davon fünf, welche der Allgemeinen Sonderpädagogik zugeordnet werden können (z.B. „Texte zur Geschichte der Sonderpädagogik“ von S. Solarová). Sechs Veranstaltungen befassten sich mit Themen der Differenziellen Sonderpädagogik (z.B. „Blindheit und Sehschwäche bei Kindern und Jugendlichen“ von S. Solarová), und zwei waren wissenschaftsorientiert (z.B. „Zur Umbruchsituation in der Legasthenieforschung“ von H. Grissemann). Sechs Veranstaltungen waren auf unterschiedliche Weise praxisorientiert. So konnten Studierende beispielsweise an einer „Arbeitsgruppe Beratung behinderter Studenten“ (von G. Heese) und an der „Entwicklung eines diagnostisch-therapeutischen Arbeitsmittels für stammelnde Vorschulkinder“ (von G. Heese) teilnehmen, oder sie konnten ein „Kommunikationstraining für Sonderpädagogen“ (von Ch. Aebersold) besuchen (Vorlesungsverzeichnis WS 1977/78).

1980er-Jahre: Institutionen, Integration und Internationales

Im Wintersemester 1986/87 wurden am ISP 23 Lehrveranstaltungen angeboten. Drei davon waren Veranstaltungen im Grundstudium („Behinderungen bei Kindern und Jugendlichen I“ von G. Heese und „Einrichtungen der Behindertenförderung I“ von A. Bächtold, G. Heese und Team, letzteres eine Veranstaltung mit Exkursionen). Von den 20 Veranstaltungen im Hauptstudium behandeln drei Veranstaltungen Themen, die eher der Allgemeinen Sonderpädagogik zugeordnet werden können (z.B. „Grundlagen und Systematik der sonderpädagogischen Erfassung“ von A. Lanfranchi und J. Steppacher). Zehn Veranstaltungen waren Themen der Differenziellen Heilpädagogik gewidmet (drei davon abweichendem Sozialverhalten/Verhaltensstörung, eine der Sehbehinderung, drei der geistigen Behinderung, zwei der Körperbehinderung, zwei der Teilleistungsschwäche und eine der Sprachbehinderung). Als neue Themen tauchten die Integration auf (z.B. „Qualitative Evaluation von integrativen Schulungsmodellen“ von U. Strasser), die internationale Sonderpädagogik (z.B. „Ausgewählte Kapitel der Sonderpädagogik: Behindertenerziehung im internationalen Vergleich“ von A. Bächtold, G. Heese und Team, oder „Behinderte in der Dritten Welt“ von G. Wülser und Team) und soziologische Themen (z.B. „Grenzkonflikte: Begegnungs- und Beziehungsprobleme zwischen Behinderten und Nichtbehinderten“ von D. Stirnimann oder „Lebensbedingungen geistig behinderter Menschen: Normalisierung und Deinstitutionalisierung II“ von A. Bächtold). Ausserdem wurden die Veranstaltungen „Zusammenarbeit mit Eltern von geistig behinderten und hörbehinderten Kindern“ sowie „Entwicklungsförderndes Spielen mit geistig behinderten und nicht behinderten Vorschulkindern“ angeboten, beide von B. Jeltsch-Schudel und N. Katz-Bernstein (Sonderpost Nr. 16).

1990er-Jahre: Neue Themen halten Einzug

Im Wintersemester 1995/96 wurden am ISP insgesamt 23 Lehrveranstaltungen angeboten (Sonderpost Nr. 34), drei davon im Grundstudium („Einführung in die Behindertenpädagogik I“ von W. Schley, „Einführung in die Behindertensoziologie I“ von A. Bächtold und „Einführung in die Handlungsfelder der Sonderpädagogik I“ von A. Bächtold, D. Lage und D. Oberholzer). Die Veranstaltungen im Hauptstudium wurden entweder einem Haupt- oder einem Nebenschwerpunkt zugeordnet. Im Hauptschwerpunkt „Kinder und Jugendliche mit Schulschwierigkeiten“ konnte man aus sieben Lehrveranstaltungen auswählen (z.B. „Integrationspädagogische Konzepte“ von W. Schley, „Sonderpädagogisches Erfassen und Verstehen von Kindern und Jugendlichen“ von J. Hollenweger oder „Geschlechtstypische Verhaltensmuster und sonderpädagogische Interventionsmöglichkeiten“ von W. Baumgärtel und Ch. Meier Rey). Im Hauptschwerpunkt „Menschen mit Entwicklungsbeeinträchtigungen“ standen vier Lehrveranstaltungen zur Auswahl (z.B. „Schädel-Hirn-Trauma bei Kindern und Jugendlichen“ von E. Graf oder „Erwachsenenbildung von Frauen und Männern mit Entwicklungsbeeinträchtigungen I“ von D. Dittli und H. Furer). Im Nebenschwerpunkt „Hörbehindertenpädagogik wurden zwei, in den Nebenschwerpunkten „Sehbehindertenpädagogik“ und „Sprachbehindertenpädagogik“ je eine Lehrveranstaltung angeboten. Unter dem Titel „Allgemeine Behindertenpädagogik liefen drei Veranstaltungen, z.B. „Allgemeine Behindertenpädagogik I (Teil 1): Das Theorie-Praxis-Verhältnis der Sonderpädagogik“ (von U. Hoyningen-Süess). Noch immer bestand das Angebot „Integratives Spielen mit geistig behinderten und nicht behinderten Vorschulkindern“ (von A. Sidler) sowie ein Kolloquium für Lizentianden und Doktoranden (von G. Heese).

2000er-Jahre: Kultur, Gender und Neurowissenschaften

Gemäss Sonderpost Nr. 50 wurden im Wintersemester 2003/04 im Grundstudium sechs Lehrveranstaltungen angeboten und im Hauptstudium 27, also insgesamt 33. Im Grundstudium gab es neben den beiden Einführungsveranstaltungen in die Studienbereiche I (W. Schley) und II (I. Kriwet) eine Vorlesung mit Übungen zum Thema des Theorie-Praxis-Verhältnisses der Sonderpädagogik (U. Hoyningen-Süess), die Grundlagenveranstaltung „Diagnostik I“ (von J. Weisser) sowie Einführungen in die beiden spezifischen Entwicklungsbereiche „Emotion“ (von H. Nufer) und „Sprache“ (von M. Kölliker Funk). Im Hauptstudium waren alle Lehrangebote einem der drei Studienbereiche zugeordnet. Im Studienbereich I „Förderung, Beratung und Therapie bei Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen“ gab es elf Lehrveranstaltungen, von denen sich vier im Themenbereich Beratung bewegten, z.B. „Organisationsentwicklung und Systemberatung in Sonderpädagogischen Einrichtungen“ (von W. Schley und S. Pool) und „Beratung und Qualifikation von Lehrern im Umgang mit verhaltensauffälligen Schülern II. Kooperative Teamberatung und Förderplanung“ (von L. Ehrhorn). Neben den Veranstaltungen mit Forschungsbezug (z.B. „Die Praxis der Theorie: Texte (v)erfassen“ von J. Weisser und „Theoretische Grundlagen und praxisrelevante Implikationen der ‚Grounded Theory‘ (Teil 2)“ von J. Gruber) wurden zwei Veranstaltungen mit entwicklungspsychologischen Themen angeboten („Theoretische Grundlagen der Subjektivität – Wahrnehmung, Emotionen, Affekte“ von W. Schley und „Wissenschaftliche Grundlagen der psychischen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen“ von D. Rüttimann). Eine spezifische Behinderungsart, nämlich die Verhaltensauffälligkeit, wurde im Studienbereich I nur noch in zwei Veranstaltungen berücksichtigt: „Lernen unter erschwerten Bedingungen – Teil 2: Verhaltensauffälligkeiten“ (von K. Joller-Graf) und die bereits oben erwähnte Veranstaltung zur Beratung von Lehrern mit diesem Klientel. Im Studienbereich II „Unterstützung und Begleitung von entwicklungsbeeinträchtigten Menschen in Bildungs- und Dienstleistungssystemen“ wurden neun Lehrveranstaltungen angeboten, davon zwei eher allgemein sonderpädagogisch orientierte Veranstaltungen der Lehrstuhlinhaberin I. Kriwet („Historische Entwicklung theoretischer Ansätze der Sonderpädagogik“ als Seminar und „Vergleichende Sonderpädagogik: Schweden – Deutschland“ als Vorlesung). Drei der Vorlesungen waren soziologisch geprägt mit teilweise sonderpädagogischem Bezug („Einführung in die Systemtheorie“ von D. Horster, die Lektüreveranstaltung zu G. Cloerkes „Soziologie der Behinderten“ von L. Güttinger-Flury sowie „Gender Studies in der Sonderpädagogik – Gegenüberstellung Schweiz – Deutschland“). Ausserdem gab es ein Seminar zur „Theorie und Praxis der ,Unterstützten Kommunikation’ mit Menschen mit Entwicklungsbeeinträchtigungen“ von D. Lage. Im Studienbereich III „Allgemeine Sonderpädagogik“ konnte aus sieben Lehrveranstaltungen ausgewählt werden. Dabei wurden so unterschiedliche Themen abgedeckt wie beispielsweise „Rezeption neurowissenschaftlicher Literatur in der Sonderpädagogik“ (von D. Gyseler), „Von Integration zu Inclusion“ (von P. Balzer und Ch. Liesen), die „Entwicklungspsychologische Grundlagen der Erziehung und Bildung hochbegabter Kinder und Jugendlicher“ (von D. Hampson und I. Hüsser) oder „Wenn Hilfe nicht hilft – Verstehen und Handeln in der Zusammenarbeit mit Personen aus verschiedenen Kulturen“ (von G. Wülser Schoop).

Das Angebot nach Bologna: Gesellschaftliche Prozesse im Fokus

Im Herbstsemester 2008, zwei Jahre nach dem Start des dreistufigen Studiensystems nach Bologna, wurden im gemeinsam mit dem Pädagogischen Institut verantworteten Bachelorstudiengang Erziehungswissenschaft neben den beiden sonderpädagogischen Schwerpunktmodulen und einzelnen Lehrveranstaltungen in anderen erziehungswissenschaftlichen Schwerpunktmodulen erstmals Module für Studierende im Masterstudiengang Sonderpädagogik angeboten. Auffallend ist, dass sich keine differenziellen, also auf spezifische Behinderungskategorien ausgerichteten Angebote mehr finden. Die fünf Bachelorveranstaltungen mit dem Anspruch, grundlegende Einführungen ins Studium der Sonderpädagogik zu vermitteln, trugen die Titel „Heterogenität, Normalität und Ausschluss“ (von Ch. Liesen), „Theorien und Konzepte der sozialen Intervention“ (von E.O. Graf), „Rehabilitationswissenschaft“ (von N. Baer), „Körper, Psyche und Behinderung“ (von Evi Graf) und „Kontakt- und Beziehungsgestaltung“ (von M. Wolters) (Vorlesungsverzeichnis 2008).

Die zwölf Mastermodule des ersten Masterprogramms Erziehungswissenschaft: Sonderpädagogik standen auch den Studierenden im Lizentiatstudium offen, welche ihr Studium vor der Studienreform begonnen hatten. Drei Lehrveranstaltungen waren soziologisch ausgerichtet, zum Beispiel die Übungen „Arbeit, Gesellschaft und Behinderung“ von E.O. Graf und „Theorie und Methodik der kritischen Theorie“ von K. Wyss, aber auch die Exkursion „Sozialraum Basel“ von K. Mutter und F. Grob. Drei Veranstaltungen bezogen sich auf das Bildungs- und Erziehungssystem, nämlich das Forschungsseminar „Kinderkulturelle Praxen und Heterogenität in der Schule“ von M. Wagner-Willi, und die Übungen „Behinderung und Erziehungssystem“ von Ch. Liesen und „Transitionsprozesse und integrative Massnahmen am Übergang Schule-Beruf“ von S. Pool. Weiter gab es Angebote in den Themenbereichen Forschungskompetenz, Theoriebildung und Erkenntnistheorie, aber auch die eher praktisch orientierte Exkursion „Mobilität“ von O. Manfredi und H. Zimmermann, in welcher die Studierenden über theoretische Grundlagen und praktische Erfahrungen „[…] bezüglich Mobilitätsfragen, Gleichstellung und Bewältigungsstrategien von Menschen mit Behinderung sensibilisiert werden“ sollten (Programm Master HS 2008, S. 8).

Literaturangaben

Archiv des Instituts für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich:

  • Informationen zum Studium der Sonderpädagogik. Wintersemester 74/75.
  • Vorlesungsverzeichnis der Universität Zürich. Wintersemester 1977/78.
  • Sonderpost. Mitteilungen des Instituts für Sonderpädagogik der Universität Zürich. Nr. 16 (WS 1986/87).
  • Sonderpost. Mitteilungen des Instituts für Sonderpädagogik der Universität Zürich. Nr. 34 (WS 1995/96).
  • Sonderpost. Mitteilungen des Instituts für Sonderpädagogik der Universität Zürich. Nr. 50 (WS 2003/04).
  • Vorlesungsverzeichnis der Universität Zürich. Herbstsemester 2008.
  • Programm Master Studienjahr 2008/09. Institut für Sonderpädagogik 2008.

Autorenschaft

Claudia Spiess, Ingeborg Hedderich

Zeitmarke

01.10.1973