Die Lizentiatsarbeiten – ein Spiegel der Interessen von Studierenden

Abstract

Die Anfänge des Lizentiatsstudiums waren zeitlich – zufällig – mit der Gründung des Pädagogischen Instituts (PI) verknüpft. Die erste überlieferte Lizentiatsarbeit in Pädagogik stammt aus dem Jahr 1958. Bis zur Einführung von Masterstudiengängen und der letzten angenommenen Arbeit im Jahr 2015 wurden am PI sowie am Institut für Sonderpädagogik (ISP) rund 1325 Lizentiatsarbeiten angenommen. Diese Arbeiten geben einen Einblick in die Veränderung des Studiums und der erforschten Themen sowie in die Interessen der Studierenden in Pädagogik und Sonderpädagogik im Zeitraum zwischen 1958 und 2015. Diesem Artikel liegt eine Datenbank der Lizentiatsarbeiten zu Grunde, um thematische, personelle und geschlechterspezifische Konjunkturen des Pädagogikstudiums während der bewegten Zeit seit den 1960er-Jahren aufzuzeigen.

Auf der Grundlage einer umfangreichen Datenbank zu Lizentiatsarbeiten können Konjunkturen des Pädagogikstudiums nach thematischen Schwerpunkten, Betreuungspersonen und Geschlecht der Studierenden im Zeitverlauf dargestellt werden. Die Daten stammen aus dem Hochschulschriftenkatalog der Zentralbibliothek Zürich (Nebis-Katalog) und wurden durch eine systematische Analyse des Lizentiatsarchivs der Bibliothek des Instituts für Erziehungswissenschaft ergänzt und bereinigt (vgl. Artikel „Empirische Studien“).

Die untenstehende Grafik (Abb. 1) gibt einen Überblick über die Anzahl aller erfassten Lizentiatsarbeiten im Zeitraum zwischen 1958 und 2015 des Pädagogischen Instituts (PI), des Instituts für Sonderpädagogik (ISP) und des Instituts für Erziehungswissenschaft (IfE). Der offensichtliche Rückgang an eingereichten Lizentiatsarbeiten ab dem Jahr 2009 ist auf die Umstellung des Lizentiat-Studiums auf das im Zeitraum zwischen 2006 und 2009 ins Leben gerufene Bologna-System zurückzuführen.

Abb. 1: Entwicklung Lizentiate in Pädagogik, Sonderpädagogik und Erziehungswissenschaft (Quelle: Hochschulschriftenkatalog der Zentralbibliothek Zürich; Lizentiatsarchiv der Bibliothek des Instituts für Erziehungswissenschaft; eigene Darstellung)

Abb. 1: Entwicklung Lizentiate in Pädagogik, Sonderpädagogik und Erziehungswissenschaft (Quelle: Hochschulschriftenkatalog der Zentralbibliothek Zürich; Lizentiatsarchiv der Bibliothek des Instituts für Erziehungswissenschaft; eigene Darstellung)

Was wird studiert, wenn Pädagogik auf dem Programm steht?

Die erste Lizentiatsarbeit in Pädagogik wurde bereits zehn Jahre vor der Gründung des PI bei Leo Weber eingereicht unter dem Titel „Über die Voraussetzung und Aufgaben der Kriminalpädagogik“. Die Anzahl der Lizentiatsarbeiten stieg erst anfangs der 1970er-Jahre stark an, als sowohl das Institut expandierte und vor allem das Lizentiat als Voraussetzung für das Doktoratsstudium definiert wurde (Artikel „Das Lizentiat in Pädagogik“). Im Jahr 1982 erreichte die Anzahl Lizentiatsarbeiten mit deren 54 einen Höhepunkt und ist gleichzeitig ein Spiegel für den grossen Zuwachs an Studierenden der Pädagogik während der 1970er-Jahre. Insgesamt zeigt diese Entwicklung ein gestiegenes Interesse rund um Fragen nach sozialen, erziehungs- und bildungstheoretischen Themen seitens der Studierenden (Artikel „Studentische Organisationen“). Nach dieser Hochphase sank die Anzahl an eingereichten Lizentiatsarbeiten und schwankte bis Ende der 1980er-Jahre zwischen 30 bis 44 Arbeiten pro Jahr. Für die 1990er-Jahre ist, entgegen der Entwicklung der Studierendenzahlen, ein erneuter Anstieg der Abschlussarbeiten in Pädagogik festzustellen. Neubesetzungen wie die des Lehrstuhls in der Sozialpädagogik mit Reinhard Fatke und der Pädagogischen Psychologie mit Helmut Fend sowie die Eröffnung eines zweiten Lehrstuhls in der Pädagogischen Psychologie, besetzt mit Kurt Reusser, müssen in einem Zusammenhang mit dieser Entwicklung gelesen werden. Insbesondere der Schwerpunktbereich der Pädagogischen Psychologie trieb die Zahlen aller abgeschlossenen Lizentiatsarbeiten in die Höhe (Abb. 2).

Vielfältige Themenbereiche kennzeichnen das Pädagogikstudium an der Universität Zürich

Die nachfolgende Grafik (Abb. 2) zeigt die Verteilung der erfassten Lizentiatsarbeiten nach den Studienschwerpunkten: Allgemeine Pädagogik, Pädagogische Psychologie sowie Sozial- und Sonderpädagogik.

Abb. 2: Lizentiate nach inhaltlichem Schwerpunkt, 45 nicht zuweisbare Arbeiten ausgenommen (Quelle: Hochschulschriftenkatalog der Zentralbibliothek Zürich; Lizentiatsarchiv der Bibliothek des Instituts für Erziehungswissenschaft; eigene Darstellung)

Abb. 2: Lizentiate nach inhaltlichem Schwerpunkt, 45 nicht zuweisbare Arbeiten ausgenommen (Quelle: Hochschulschriftenkatalog der Zentralbibliothek Zürich; Lizentiatsarchiv der Bibliothek des Instituts für Erziehungswissenschaft; eigene Darstellung)

Die Rate an verfassten Abschlussarbeiten ist in der Pädagogischen Psychologie festzustellen. Der Höchstwert steht hier bei 26 Arbeiten im Jahr 1984. Doch nicht nur psychologische Fragestellungen beschäftigten die Studierenden vermehrt seit den 1970er-Jahren. Im Zuge der Differenzierung der Disziplin und neuer, gesellschaftlich relevanter Themenfelder der sozialen Ungleichheit beschäftigen die Studierenden und erweitern das Spektrum der eingereichten Arbeiten. Mit der Gründung des Instituts für Sonderpädagogik werden ab 1976 auch erstmals Lizentiatsarbeiten in diesem Schwerpunkt verfasst. Der Schwerpunkt der Allgemeinen Pädagogik weist zwar die grösste Kontinuität, gleichzeitig aber auch eine vergleichsweise tiefe Anzahl von Lizentiatsarbeiten aus.

Die Konjunkturen nach Schwerpunkten sind eng an die jeweiligen Lehrstuhlkonjunkturen gekoppelt. Mit der Neubesetzung von Lehrstühlen, teilweise gekennzeichnet durch längerfristige Vakanzen, ging in aller Regel auch eine (kurzfristige) Baisse an eingereichten Lizentiatsarbeiten einher. Das zeigt sich vor der Berufung der Professoren Fritz-Peter Hager, Helmut Fend oder Reinhard Fatke.

Die Betreuer der Abschlussarbeiten

Die Lizentiatsarbeiten, die über den Zeitraum zwischen 1958 und 2015 am Pädagogischen Institut, dem Institut für Sonderpädagogik und dem Institut für Erziehungswissenschaft eingereicht wurden, sind jeweils bei einem/r Hauptbetreuer/in verfasst worden (Abb. 3).

Hochschulschriftenkatalog der Zentralbibliothek Zürich; Lizentiatsarchiv der Bibliothek des Instituts für Erziehungswissenschaft; eigene DarstellungAbb. 3: (Hochschulschriftenkatalog der Zentralbibliothek Zürich; Lizentiatsarchiv der Bibliothek des Instituts für Erziehungswissenschaft; eigene Darstellung)

Da nicht ausgeschlossen werden kann, dass die Betreuungsarbeit (Begleitung von Abschlussarbeiten sowie das Verfassen von Gutachten) in vielen Fällen von Assistierenden und Privatdozierenden übernommen wurde, ohne dass diese auch die formale Hauptbetreuung innehatten, zeigt Abb. 3 tendenziell eine Unterrepräsentation dieser Personalkategorie.

Erziehungswissenschaft – eine Wissenschaft für Frauen?

Dass  zwar „Erziehung“ als Praxis lange Zeit als weiblicher Verantwortungsbereich konnotiert war, deren wissenschaftliche Reflexion bis in die 1980er-Jahre männlich dominiert war, erstaunt im Grunde nicht. Dass der Anteil der Studienabgängerinnen in Pädagogik jedoch erst seit Mitte der 1990er-Jahre deutlich grösser ist als derjenige der Studienabgänger, ist hingegen angesichts der Tatsache, dass an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich bereits seit den frühen 1980er-Jahren mehr Frauen als Männer studieren, verwunderlich.

Abb. 4 zeigt, wie sich das Geschlechterverhältnis in Pädagogik in drei Phasen entwickelt hat.

Abb. 4 (Quelle: Hochschulschriftenkatalog der Zentralbibliothek Zürich; Lizentiatsarchiv der Bibliothek des Instituts für Erziehungswissenschaft; eigene Darstellung)

Abb. 4 (Quelle: Hochschulschriftenkatalog der Zentralbibliothek Zürich; Lizentiatsarchiv der Bibliothek des Instituts für Erziehungswissenschaft; eigene Darstellung)

 

Während in einer ersten Phase bis anfangs der 1980er-Jahre die männlichen Studienabgänger deutlich in der Mehrzahl waren, pendelte sich zwischen 1980 und 1994 ein schwankendes, aber ausgeglichenes Geschlechterverhältnis ein.

Seit Mitte der 1990er-Jahre stieg die Anzahl aller verfassten Lizentiatsarbeiten von weiblichen Studierenden von zehn Arbeiten (1994) auf 21 Arbeiten (1995), 26 Arbeiten (1996)  und 31 Arbeiten im Jahr 1997 an. Zeitgleich liegt die Zahl der von männlichen Studierenden verfassten Abschlussarbeiten bei nur mehr 15 pro Jahr (1997). Zwischen 1998 und 2011 stieg die Zahl der von weiblichen Verfasserinnen eingereichten Arbeiten mehr oder weniger permanent an und erreichte im Jahr 2008 einen Höchstwert von 50 Arbeiten pro Jahr. Reflexionen rund um Erziehungsfragen wurden somit in der genannten Zeitspanne im Pädagogikstudium an der Universität Zürich zunehmend weiblich konnotiert.

Die Anzahl der durch männliche Studierende eingereichten Arbeiten sank zeitgleich seit den frühen 1980er-Jahren permanent ab, bis auf teilweise nur eine Arbeit pro Jahr.

Der Zuwachs an Pädagogikstudentinnen ist kein Phänomen, das sich ausschliesslich für die Pädagogik feststellen lässt, sondern als Folge der durch die Frauenbewegung in den 1980er-Jahren neu definierten gesellschaftlichen Stellung der Frau anzusehen. Die vielzitierte „Feminisierung“ des Lehrberufs hat sich mit der entsprechenden Verspätung auch in der akademischen Pädagogik niedergeschlagen. Mit der Anerkennung von Abschlüssen der Lehrer/innenbildung für die Aufnahme eines Studiums in der Erziehungswissenschaft wurde diese Tendenz in den jüngsten Jahren noch einmal verstärkt.

Quellen

Hochschulschriftenkatalog der Zentralbibliothek Zürich (NEBIS).

Institut für Erziehungswissenschaft. Lizentiatsarchiv der Bibliothek des Instituts für Erziehungswissenschaft.

Autorenschaft

Barbara Klimo

Zeitmarke

1958