Das Lizentiat in Pädagogik als Normalabschluss

Abstract

Die Vermittlung von pädagogischen Inhalten an der Universität Zürich spielte bereits lange vor der Institutsgründung eine zentrale Rolle. Als Teildisziplin der Philosophie erhielt das Fach „Pädagogik“ zunächst durch die Errichtung eines Seminars und dann eines Instituts seinen eigenen Platz. Die Stellung der Disziplin vor der Gründung des Instituts und die anschliessende Etablierung des Lizentiatsabschlusses am Pädagogischen Institut soll im Nachfolgenden beschrieben werden.

Bereits in der Promotionsordnung aus dem Jahr 1892 wird das Fach „Pädagogik“, welches sowohl im Hauptfach als auch im Nebenfach studiert werden konnte, klar ausgewiesen,. Zusammen mit der Philosophie bildete es die erste Abteilung der Fächer an der I. Sektion der Philosophischen Fakultät. In Pädagogik wurde die Geschichte der Pädagogik, Schulkunde und Psychologie gelehrt. Seit dem späten 19. Jahrhundert konnte das Fach Psychologie nur im Nebenfach studiert werden, war aber als Teildisziplin bei der Philosophie und der Pädagogik angegliedert (Promotionsordnung 10.11.1892). Erst im Jahr 1948 wurde Psychologie als drittes Hauptfach zu den beiden übrigen Fächern der entsprechenden Abteilung aufgenommen (Promotionsordnung 01.06.1948). Das Lizentiat als Abschluss neben dem Doktorat war bis dahin noch nicht bekannt und konnte an der Philosophischen Fakultät erst ab 1955 erworben werden. Welche Funktion das Lizentiat in Abgrenzung zum Doktorat zu erfüllen hatte, wurde im Reglement nicht näher geklärt – im Gegenteil. Die Überschneidungspunkte zwischen einem Lizentiat und einem Doktorat sollten hervorgehoben werden. Im zweiten Paragraph des Reglements stand daher:

„Die Lizentiatsprüfung unterscheidet sich von der Doktorpromotion darin, dass an die Stelle einer druckfertigen Abhandlung (Dissertation) eine Diplomarbeit tritt, in der der Kandidat sich über die Fähigkeit, einen Gegenstand mit wissenschaftlichen Methoden zu behandeln, ausweist. Im übrigen werden in der Lizentiatsprüfung grundsätzlich die gleichen Anforderungen gestellt wie im schriftlichen und mündlichen Teil der Doktorprüfung.“ (Reglement über die Lizentiatsprüfung an der Philosophischen Fakultät I 08.03.1955, S.1; Hervorgebung im Original).

Obwohl die Rahmenbedingungen für einen Lizentiatsabschluss mit dem Reglement geschaffen wurden, gestaltete sich die konkrete Umgestaltung etwas schwierig, insbesondere, weil die Attraktivität des Studiengangs gegenüber dem Doktorat nicht klar ersichtlich war. Das zeigt sich in den Abschlusszahlen deutlich: Aus einer Recherche in den Datenbanken der Abschlussarbeiten des NEBIS-Katalogs ging hervor, dass zwar der erste Lizentiatsabschluss in Pädagogik im Jahr 1958 – bereits drei Jahre nach der Einführung des ersten Reglements über die Lizentiatsprüfung – bei Prof. Dr. Leo Weber erworben wurde. Danach blieben die Abschlüsse aber bis Ende der 1960er-Jahre auf sehr tiefem Niveau. Erst als im Jahr 1969 eine weitere Promotionsordnung in Kraft trat, die das Lizentiat nun endgültig und für sämtliche Fachrichtungen der Philosophischen Fakultät einführte und als Voraussetzung für die Promotion definierte, stiegen die Abschlusszahlen rasch an. Allerdings wurden bis im Mai 1974 keine separaten Protokolle für Lizentiatsprüfungen verwendet, weshalb die Titel „Lizentiand“ und „Liz.Arbeit“ anstelle von „Doktorand“ und „Dissertation“ mit der Schreibmaschine korrigiert wurden. Nach einer kurzen Übergangsphase, in der nur Durchschläge zur Verwendung kamen, wurden die neuen Prüfungsprotokolle Ende Mai 1974 eingeführt. Die Bezeichnungen „Lizentiand“ und „Liz.Arbeit“ wurden nun parallel zu „Doktorand nach Liz.“ und „Dissertation“ aufgeführt, sodass eine nachträgliche Anpassung nicht mehr nötig war (Promotionen der Philosophischen Fakultät I 1970–1974).

Wirft man einen Blick auf die Studierendenzahlen am Pädagogischen Institut (vgl. Abbildung 1), so fällt auf, dass diese seit den frühen 1970er-Jahren bis ins Jahr 1990 permanent und teilweise stark angestiegen sind. Seit 1981 ist der Anteil weiblicher Pädagogik-Studierender höher als derjenige der männlichen Studierenden (IfE Archiv, Jahresbericht 1981/82). Zu einem Einbruch bei den Studierendenzahlen kam es zu Beginn der 1990er–Jahre, der sich ebenfalls auf einer gesamtuniversitären Ebene finden liess. Als Hauptgründe für den Rückgang der Studierendenzahlen galten zum einen der Abgang der grossen 1980er–Jahrgänge und zum anderen Studierengebührenerhöhungen sowie die Auflösung gewisser Vergünstigungen (Universität Zürich: Geschichte). Für das WS 1998/99 konnte Sonderpädagogik erstmals als Hauptfach studiert werden. Mit der Einführung des Bologna-Systems im Jahr 2006 und dem neuen Studiengang „Erziehungswissenschaft“ liefen die alten Studiengänge Pädagogik und Sonderpädagogik allmählich aus.

Abbildung 1: Hauptfachstudierende der Pädagogik (eigene Darstellung, Studierendenstatistik der Universität Zürich, UAZ)Abbildung 1: Hauptfachstudierende der Pädagogik (eigene Darstellung; UAZ PUB.001.056 Studierendenstatistik 1976/77-2006)
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Literatur- und Quellenverzeichnis

Institut für Erziehungswissenschaft: Archiv. Jahresberichte des Pädagogischen Instituts 1981/82.

Promotionsordnung der I. Sektion der Philosophischen Fakultät der Hochschule Zürich (10.11.1892).

Promotionsordnung der Philosophischen Fakultät I (philosophisch-philologisch-historische Richtung) der Universität Zürich (01.06.1948).

Promotionsordnung der Philosophischen Fakultät I (philosophisch-philologisch-historische Richtung) der Universität Zürich (04.02.1969).

Reglement über die Lizentiatsprüfung an der Philosophischen Fakultät I (philosophisch-philologisch-historische Richtung) der Universität Zürich (08.03.1955).

Studienführer Pädagogik: Informationen zum Pädagogikstudium (09.1994).

UZH Archiv (UAZ):

AA.22.015: Promotionen der Philosophischen Fakultät I (Lizentiats- und Doktorprüfungen), 07.11.1970 - 20.02.1971.

AA.22.016: Promotionen der Philosophischen Fakultät I (Lizentiats- und Doktorprüfungen), 08.05.1971 - 17.12.1971.

AA.22.017: Promotionen der Philosophischen Fakultät I (Lizentiats- und Doktorprüfungen), 14.01.1972 - 14.07.1972.

AA.22.018: Promotionen der Philosophischen Fakultät I (Lizentiats- und Doktorprüfungen), 03.11.1972 - 15.02.1973.

AA.22.019: Promotionen der Philosophischen Fakultät I (Lizentiats- und Doktorprüfungen), 04.05.1973 - 07.12.1973.

AA.22.020: Promotionen der Philosophischen Fakultät I (Lizentiats- und Doktorprüfungen), 11.01.1974 - 04.07.1974.

AA.22.021: Promotionen der Philosophischen Fakultät I (Lizentiats- und Doktorprüfungen), 15.11.1974 - 13.12.1974.

PUB.001.056, Studierendenstatistik 1976/77-2006.

Staatsarchiv des Kantons Zürich (StAZH):

Z 70.792 Pädagogisches Institut: Allgemeine Akten (1975–1984).

Z.70.2951 Philosophische Fakultät I: Protokolle der Promotionsprüfungen (chronologisch), 1970.

Autorenschaft

Jane Ovelil

Zeitmarke

1955