Die Bibliothek – auch die Beständige wandelt sich

Bibliotheken werden oft als Sinnbild des Beständigen angesehen. Sie machen Wissen zugänglich, seit das Wort aufgeschrieben wird. Um den Bedürfnissen nach Wissen gerecht werden zu können, müssen sich Bibliotheken ständig verändern. Dieser Artikel zeigt einige der wichtigsten Veränderungen, die die Bibliotheken der „pädagogischen“ Institute der Universität Zürich, ihre Bestände und ihr Personal, mitgemacht haben.

Eine erste eigenständige „pädagogische“ Bibliothek wurde seitens des Kantons Zürich dem Heilpädagogischen Seminar Zürich bereits mit dessen Gründung in den 1920er-Jahren zur Verfügung gestellt. Schon damals beinhaltete der Bestand dieser Bibliothek mehr als nur Bücher. Bereits 1927 wurde eine Diapositivsammlung betreffend „Blinde, Taubstumme, Schwerhörige, Krüppel, Geistesschwache und Psychopathen“ (AHfH Jahresbericht des Heilpädagogischen Seminars 1927, S.5) angelegt. Alle Titel dieser Bibliothek wurden erfasst, teilweise mit grossem Engagement und auf freiwilliger Basis. So hatte ein Fräulein A. Walser vom Heilpädagogischen Seminar im Jahr 1928 begonnen, während einem halben Tag pro Woche einen Zettelkatalog anzufertigen, der die in Zürichs Bibliotheken auffindbare heilpädagogische Literatur übersichtlich darstellen sollte. Das Pestalozzianum kopierte den Zettelkatalog nach Erstellung und stellte ihn der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung (AHfH Jahresbericht des Heilpädagogischen Seminars 1924, 1927 und 1928).

Dem 1968 gegründeten Pädagogischen Institut diente zunächst nur ein offener Seminarraum als Bücherstandort. Personal war für den Unterhalt der Bibliothek nicht vorgesehen. Erst die zunehmend unkontrollierten Buchabgänge führten dazu, dass 1974 beim Bezug der neuen Räumlichkeiten an der Rämistrasse die Bibliothek einen eigenen Raum und eine halbe Stelle Bibliotheksaufsicht erhielt. Im Herbst 1975 übernahm Eva Kraus diese Stelle. Sie blieb der Bibliothek bis zu ihrer Pensionierung im Oktober 2001 treu. Als im Januar 1986 ihre Assistentenstelle in eine Bibliothekarinnenstelle umgewandelt wurde, hatte Eva Kraus den Kurs für Diplombibliothekare der Vereinigung Schweizerischer Bibliothekare (VSB) absolviert und wurde die erste offizielle Bibliothekarin des Pädagogischen Instituts (API Jahresberichte des Pädagogischen Instituts 1974/75 und 1985/86).

Der übliche Weg zu einer Bibliothekarinnenstelle an einer wissenschaftlichen Institution führte seit den 1930er-Jahren von der Matura oder einer bibliotheksnahen Ausbildung über ein Volontariat inklusive Kursbesuch. Die Ausbildungsmöglichkeiten zum/zur Bibliothekaren/in in der Schweiz waren damit, mit der Ausnahme einer Schule in Genf, ausgesprochen praxisorientiert und boten wenig theoretischen Hintergrund. Erst 1998 wurde als Ablösung des Diplombibliothekarenkurses der erste Ausbildungsgang zum/zur gelernten Informations- und Dokumentationsassistenten/in mit eidgenössischem Fähigkeitszertifikat (EFZ) sowie der erste Studiengang zum/zur Informations- und Dokumentationsspezialisten/in an der Fachhochschule Chur angeboten. Seit 2012 bildet die Bibliothek des Instituts für Erziehungswissenschaft im Ausbildungsverbund mit der Bibliothek des Soziologischen Instituts Lernende zum/zur Fachmann/Fachfrau Information und Dokumentation EFZ aus (Barth 1997 S.80ff).

Dieser Wandel der Ausbildung zum/zur Bibliothekaren/in lief parallel zur technischen Spezialisierung im Bibliothekswesen. Neben den gedruckten Schriften, Tests und der Diapositivsammlung wurde der Bestand mit Video- und Tonbandkassetten sowie den entsprechenden Wiedergabemedien ergänzt. Heute wird der Übergang von der DVD auf ein rein elektronisches Format geplant. Neben den Beständen veränderte sich auch die Erfassung: den Zettelkatalogen folgten in einem Teil der Bibliotheken zunächst einfache Datenbanken, bis sich die Institutsbibliotheken der Universität Zürich nach der Gründung der Hauptbibliothek Zürich 1994 zu einem Katalogverbund zusammenschlossen. Der erste gemeinsame Katalog wurde mit Dobis-Libis, einem integrierten Bibliothekssystem erarbeitet. Doch Dobis-Libis blieb nicht lange in Betrieb. Die deutschschweizer Hochschulbibliotheken schlossen sich zum Informationsverbund der Deutschschweiz (IDS) zusammen und wählten ein gemeinsames Bibliothekssystem namens Aleph. Der Katalogverbund der Hauptbibliothek und der Institutsbibliotheken der Universität hiess ab 1999 IDS Zürich Universität. Katalogisiert wurde, wie in allen IDS Bibliotheken, nach den neuen Katalogisierungsregeln des IDS (KIDS). Auf Grundlage dieses Systems und Regelwerks wurden die Bibliotheken des Pädagogischen Instituts, des Instituts für Sonderpädagogik und des Instituts für Gymnasial- und Berufspädagogik zur Bibliothek des Instituts für Erziehungswissenschaft zusammengeschlossen. Kaum war dieser Zusammenschluss bewältigt, folgten systembedingt zwei weitere grosse Änderungen. Der IDS Zürich Universität wurde 2013 in den Verbundkatalog NEBIS integriert und die Katalogisierungsregeln KIDS wurden 2016 durch ein neues Regelwerk namens Resource Description and Access (RDA) abgelöst. Anstatt einer gemächlichen Weiterentwicklung im Bibliothekswesen entgegenzusehen, sehen sich die Bibliotheken der Universität Zürich und damit auch die der Erziehungswissenschaft mit den beiden nächsten Grossprojekten konfrontiert. Einerseits sollen die Institutsbibliotheken und die Hauptbibliothek der Universität Zürich organisational zur Universitätsbibliothek Zürich zusammengeschlossen werden, andererseits folgt in den nächsten Jahren auf Aleph das System Alma innerhalb des Grossprojekts Swiss Library Service Platform (SLSP) (Hauptbibliothek 2018).

Der technologische Fortschritt veränderte nicht nur den Arbeitsalltag und den Anspruch an die Bibliotheksangestellten, sondern auch die Recherche von Informationen für die Kund/innen der Bibliotheken. Mussten sie in den 1930er-Jahren noch von Bibliothek zu Bibliothek reisen, um vor Ort die Kataloge einzusehen, gab es schon in den 1970er-Jahren die ersten Literatursuchdienste. Im Wintersemester 1978/1979 verwies Claudio Casparis auf zwei solche Dienste, die die Orientierung in der Fülle der Literatur erleichterten, indem sie Titel und Zusammenfassungen von Artikeln und Büchern bereitstellten (vgl. Abb.1). Der Bestand der Bibliothek betrug damals zirka 10'000 Titel und 80 laufende Zeitschriften. Bis zum heutigen Tag haben sich die publizierten Titel zu erziehungswissenschaftlichen Themen vervielfacht. 2018 hat die Bibliothek Erziehungswissenschaft mehr als 65'000 Titel und knapp 200 Zeitschriften im Bestand, deren Titelangaben jederzeit online abrufbar sind. Für die thematische Suche nach aktuellen Inhalten in Zeitschriften und Sammelbänden muss heute keine Reise unternommen und kein Telefon in die Hand genommen werden. Fachdatenbanken wie FIS-Bildung und ERIC übernehmen die Verzeichnung und Beschlagwortung von Artikeln und Buchkapiteln. Es reicht, wenn man weiss, wie man die richtigen Fragen stellt. Die Bibliothekarin/der Bibliothekar hilft dabei gerne. (API PIK 1978/79; API Jahresbericht des Pädagogischen Instituts 1979/80)

Orientierung LiteratursuchdiensteAbb. 1: Archiv des Instituts für Erziehungswissenschaft. Pädagogisches Institut Kurier. 8 (1978/79), S. 5.
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Quellen und Literatur

Archiv der Hochschule für Heilpädagogik

  • Jahresberichte des Heilpädagogischen Seminars Zürich 1924, 1927, 1928

Archiv Pädagogisches Institut (API)

  • Jahresberichte des Pädagogischen Instituts 1974/75, 1979/80, 1985/86
  • Pädagogisches Institut Kurier (PIK) 1978/79

Barth, R (1997). Bibliotheken, Bibliothekarinnen und Bibliothekare in der Schweiz. Bern, Editions de l'Aire

Hauptbibliothek UZH (2018). Geschichte der HBZ (Stand 22.03.2018). Zugriff am 08.04.2018 unter: http://www.hbz.uzh.ch/dam/jcr:09b4792f-bb97-4c6a-8df9-d55d86af19ab/Geschichte_HBZ_DE.pdf

Autorenschaft

Sibylle Bucher

Zeitmarke

1986