Die Anfänge der Fachdidaktik

Die Studien- und Prüfungspläne für die Ausbildung der Gymnasiallehrpersonen an der Universität Zürich sehen ab 1918 systematisch Kurse in Didaktik vor. Zuvor war die Ausbildung ganz massgeblich fachlichwissenschaftlich ausgerichtet gewesen mit nur vereinzelten Methodik- und Didaktikkursen.

Das erste Lehramtsdiplom, welches an der Universität Zürich erworben werden konnte, war ab 1861 das Diplom für das Höhere Lehramt für historisch-philologische Fächer. Ab 1865 besuchten auch zukünftige Sekundarlehrpersonen die Universität. Die Lehramtsschule erlangte 1870 definitiven Status, 1881 wurde sie vollständig in die Universität integriert. Ab 1886 konnten zukünftige Gymnasiallehrpersonen schliesslich das Diplom für mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer erwerben. Das Schwergewicht der Ausbildung lag auf den Fachwissenschaften, aber zur Ausbildung gehörte auch der Besuch von Pädagogik- und Psychologievorlesungen, für die Ausbildung im Sekundarlehramt verpflichtend, für einen Teil der Fächer auf Gymnasialstufe empfohlen (Criblez 2011, Lussi Borer & Criblez 2011, Ziegler 1994).

Eine berufspraktische Ausbildung war noch nicht vorgesehen; Methodik, allgemeine Didaktik und Fachdidaktik spielten eine untergeordnete Rolle. Allerdings boten Seminare und einzelne Fachbereiche schon im 19. Jahrhundert vereinzelte Kurse zu Methodik und Didaktik an, die sich teilweise explizit an Lehramtskandidierende wandten (zur Rolle der Seminare: vgl. den Artikel „Das Verhältnis von Philosophie, Pädagogik und Psychologie im ausgehenden 19. Jahrhundert“). Rückwirkend ist es kaum möglich, anhand der Veranstaltungstitel den didaktischen und methodischen Gehalt dieser Kurse zu eruieren. Es dürfte sich in vielen Fällen um eine Mischung gehandelt haben aus fachwissenschaftlichen Inhalten, die auf Lehrpersonen zugeschnitten waren, und aus fachdidaktischen Instruktionen. Beispiele sind „Physik-Repetitorium speziell für Lehramtscandidaten“ oder „Historisch-pädagogische Übungen“. Aus diesem Grund wird hier auf eine quantitative Auswertung der entsprechenden Lehrangebote verzichtet (Lussi Borer & Criblez 2011, Universität Zürich 1833–1900).

Ein Blick in die Vorlesungsverzeichnisse von 1833–1900 vermittelt aber einen Eindruck des Lehrangebots, der Exponenten und der vertretenen Fachbereiche. In der folgenden Tabelle erscheinen in chronologischer Reihenfolge diejenigen Kurse, welche mit einer gewissen Regelmässigkeit durchgeführt wurden und einen Schul- oder Unterrichtsbezug aufweisen:

Dozierende

Zeitraum des Lehr-angebots

Inhalt

Fachbereich

Eichelberg, Johann Friedrich Andreas

WS 1855

„Methodologie und Didaktik der Naturwissenschaften“

Naturwissen­schaften

Köchly, Hermann

Bursian, Conrad

Hitzig, Hermann

SS 1857

WS 1862

SS 1866

WS 1887

“Gymnasialpädagogik”

Allg.

Köchly, Hermann

Bursian, Conrad

SS 1857–WS 1863

SS 1864–SS 1869

“Philologisch-pädagogisches Seminar: Philologische Uebungen”

 

 

Klassische Philologie

Hug, Johann Caspar

WS 1859– WS 1880

Mathematische Methodik, teilweise explizit „für Lehramtscandidaten“ oder „für die Sekundarschule“

Mathematik

Hofmeister, Rudolf Heinrich

SS 1867– SS 1878

Physik-Repetitorium „speziell für Lehramtscandidaten“

Physik

Egli, Johann Jakob

SS 1868– WS 1868

„Conversatorium für Secundarlehramts-Candidaten“

Allg.

Weith, Wilhelm

SS 1874– SS 1880

„Uebungen im Anstellen von Vorlesungsversuchen“ und „Chemische Uebungen“ „für Lehramtscandidaten“

Chemie

Heim, Albert

SS 1877

SS 1879

SS 1880

„Vorbereitungscursus für Geologie, besonders für Schüler der Lehramtsschule“

Geologie

Meyer von Knonau, Gerold

WS 1880­–

„Historisches Seminar: Pädagogische (Vortrags-) Uebungen“ aus der mittleren/neueren/alten Geschichte

Geschichte

Bächtold, Jakob,

Frey, Adolf

WS 1886­– WS 1897

SS 1899–

„Deutsches Seminar: Deutsch-pädagogische Uebungen“

Deutsch

Hunziker, Otto

SS 1887–

„Historisch-pädagogische Uebungen“ zu unterschiedlichen Themen

Geschichte

Stein, Ludwig

WS 1888

WS 1889

WS 1890

SS 1891

„Pädagogische Uebungen“

„Philosophisch-pädagogisches Kränzchen“, verbunden mit Vortragsübungen

Allg.

Dodel, Arnold

z.T. mit Overton, Ernst

WS 1891–

„Botanisches Halbpraktikum für Lehramtskandidaten“

Botanik

Lang, Arnold

Fiedler, Karl

Hescheler, Karl

WS 1891–

„(Zoologisches) Halbpraktikum für Lehramtskandidaten“

Zoologie

Bachmann, Albert

SS 1892–

 

Grammatische Uebungen / Mittelhochdeutsch „insbesondere für Lehramtskandidaten“

Deutsch

Früh, Jacob

SS 1892–SS 1896

„Methodik des geographischen Unterrichts an Mittelschulen“

Geografie

Roth, Otto

 

 

Silberschmidt, William

WS 1892­–WS 1893

 

SS 1896–

Grundzüge der Hygiene „insbesondere für Lehrer und Lehramtskandidaten“

„Gesundheitspflege nebst Schulhygiene“

Allg.

Abeljanz, Haruthiun

WS 1895­–

„Chemische Übungen für Lehramtskandidaten“

Chemie

Martin, Rudolf

SS 1896­–

Anatomie „für Lehramtskandidaten und Nichtmediziner“

Vergleichen­de Anatomie

Schinz, Hans

SS 1897–WS 1898

„Systematisch-botanisches Halbpraktikum für Lehramtskandidaten“

Botanik

Hitzig, Hermann

WS 1899–

„Philologisch-pädagogisches Seminar: Pädagogische Uebungen“

Klassische Philologie

Quelle: Historische Vorlesungsverzeichnisse der Universität Zürich 1833–1900. Die Zuteilung zu den Fachbereichen erfolgte auf Basis des Studien- und Prüfungsplans von 1899. Die Kurse wurden teilweise über das Jahr 1900 hinaus fortgesetzt.

Auch ohne quantitative Auswertung lässt sich ablesen, dass sich das Angebot mit der zunehmenden Institutionalisierung der Lehrpersonenausbildung in den letzten zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ausweitete. Zudem fallen die breite fachliche Vertretung sowohl aus dem mathematisch-naturwissenschaftlichen als auch aus dem philologisch-historischen Gebiet auf. Die philologisch-historischen Fachbereiche sind stark an die Seminare gebunden.

Anfangs des 20. Jahrhunderts forderten Lehrpersonenverbände und Erziehungsdirektionen schweizweit, dass die Ausbildung der Gymnasiallehrpersonen auch berufspraktische und didaktische Inhalte umfassen müsse. An der Jahresversammlung 1913 forderte der Verein schweizerischerGymnasiallehrer eine entsprechende Anpassung der Ausbildung. In Zürich setzten sich der Prorektor der Oberrealschule und der Rektor der Töchterschule für die Einführung von Fachdidaktik und allgemeiner Didaktik in der Ausbildung ein. Daraufhin wurden im Wintersemester 1915/16 an der Philosophischen Fakultät II und ein Jahr später auch an der Philosophischen Fakultät I Kurse für „spezielle Didaktik“ (heute: Fachdidaktik) eingeführt (Criblez 2011; Lussi Borer & Criblez 2011).

Anhand der Studien- und Prüfungspläne der Universität Zürich lässt sich diese Entwicklung nachzeichnen: Im Studien- und Prüfungsplan von 1899 waren nur „Spuren“ fachdidaktischer Studien- oder Prüfungsinhalte aufgeführt: Im Fach Deutsch musste beispielsweise „Methodik des deutschen Unterrichts“ besucht werden und war Bestandteil der Schlussprüfung (UAZ BH.1 Studien- und Prüfungspläne für das höhere Lehramt vom 22. November 1899). 1905 waren „Unterrichtsübungen“ in allen Fächern Bestandteil des letzten Ausbildungsjahrs, in Deutsch wurde „Methodik“ geprüft (UAZ BH.1 Studien- und Prüfungspläne für das höhere Lehramt vom 20. September 1905). 1918 schliesslich wurde das Didaktikangebot verbindlich geregelt: „Für die Studierenden des höhern [sic!] Lehramtes in den philologisch-historischen und den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern werden an der Philosophischen Fakultät I und der Philosophischen Fakultät II der Universität Zürich Kurse in der Didaktik der einzelnen Lehrfächer eingerichtet.“ (UAZ BH.1 Studien- und Prüfungspläne für das höhere Lehramt vom 23. Dezember 1918). Die Kurse wurden durch „Lehrer der Mittelschulstufe“ geleitet und die Einsätze mit Übungsklassen wurden geregelt. In Deutsch und den romanischen Sprachen wurden an der Schlussprüfung „Methodik“ und „Lehrproben“ verlangt (UAZ BH.1 Studien- und Prüfungspläne für das höhere Lehramt vom 23. Dezember 1918), auch das Prüfungsreglement wurde entsprechend angepasst (UAZ BH.1 Diplomprüfungsreglement für das höhere Lehramt in den philologisch-historischen Fächern vom 23. Dezember 1918).

Quellen und Literatur

Criblez, L. (2011). Eine Disziplin für unterschiedliche Professionsansprüche (1857–1949). In R. Hofstetter & B. Schneuwly (Hrsg.), Zur Geschichte der Erziehungswissenschaften in der Schweiz. Vom Ende des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts (S. 49–68). Bern: Hep.

Lussi Borer, V. & Criblez, L. (2011). Die Formierung der Erziehungswissenschaften und die akademische Lehrerinnen- und Lehrerbildung. In R. Hofstetter & B. Schneuwly (Hrsg.), Zur Geschichte der Erziehungswissenschaften in der Schweiz. Vom Ende des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts (S. 237–269). Bern: Hep.

Universität Zürich. (1833–1900). Historische Vorlesungsverzeichnisse der Universität Zürich 1833–1900 [Online-Quelle]. Abgerufen am 17.2.2018 unter http://www.histvv.uzh.ch/

Ziegler, P. (1994). Sekundarlehrerausbildung an der Universität. Zürich: Direktion der Sekundar- und Fachlehrerausbildung an der Universität.

Archivquellen

UZH Archiv (UAZ), BH.1, Sammlung von Erlassen

Studien- und Prüfungspläne für das höhere Lehramt in Fächern der I. und II. Sektion der Philosophischen Fakultät. Vom Regierungsrat erlassen am 22. November 1899.

Studien- und Prüfungspläne für das höhere Lehramt in Fächern der I. und II. Sektion der Philosophischen Fakultät. Vom Regierungsrat erlassen am 20. September 1905.

Studien- und Prüfungspläne für das höhere Lehramt in den Fächern der Philosophischen Fakultät I. Vom 23. Dezember 1918.

Reglement betreffend die Diplomprüfung für das höhere Lehramt in den philologisch-historischen Fächern an der Universität Zürich. Vom 23. Dezember 1918.

Autorenschaft

Judith Mathez

Zeitmarke

23.12.1918